Gottesdienst am 9. Mai 2021 – Sonntag Rogate

Epistel: 1. Timotheus 2,1-6a

1 So ermahne ich nun, dass man vor allen Dingen tue Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung für alle Menschen, 2 für die Könige und für alle Obrigkeit, damit wir ein ruhiges und stilles Leben führen können in aller Frömmigkeit und Ehrbarkeit. 3 Dies ist gut und wohlgefällig vor Gott, unserm Heiland, 4 welcher will, dass alle Menschen gerettet werden und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen. 5 Denn es ist ein Gott und ein Mittler zwischen Gott und den Menschen, nämlich der Mensch Christus Jesus, 6 der sich selbst gegeben hat als Lösegeld für alle,

 

Evangelium: Lukas 11,5-13

5 Und Jesus sprach zu ihnen: Wer unter euch hat einen Freund und ginge zu ihm um Mitternacht und spräche zu ihm: Lieber Freund, leih mir drei Brote; 6 denn mein Freund ist zu mir gekommen auf der Reise, und ich habe nichts, was ich ihm vorsetzen kann, 7 und der drinnen würde antworten und sprechen: Mach mir keine Unruhe! Die Tür ist schon zugeschlossen und meine Kinder und ich liegen schon zu Bett; ich kann nicht aufstehen und dir etwas geben. 8 Ich sage euch: Und wenn er schon nicht aufsteht und ihm etwas gibt, weil er sein Freund ist, so wird er doch wegen seines unverschämten Drängens aufstehen und ihm geben, so viel er bedarf.

9 Und ich sage euch auch: Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. 10 Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan.

11 Wo bittet unter euch ein Sohn den Vater um einen Fisch, und der gibt ihm statt des Fisches eine Schlange? 12 Oder gibt ihm, wenn er um ein Ei bittet, einen Skorpion? 13 Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben zu geben wisst, wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist geben denen, die ihn bitten!

 

Predigttext: Daniel 9,4-5.16-19

4 Ich betete aber zu dem Herrn, meinem Gott, und bekannte und sprach: Ach, Herr, du großer und schrecklicher Gott, der du Bund und Gnade bewahrst denen, die dich lieben und deine Gebote halten! 5 Wir haben gesündigt, Unrecht getan, sind gottlos gewesen und abtrünnig geworden; wir sind von deinen Geboten und Rechten abgewichen.

16 Ach, Herr, um aller deiner Gerechtigkeit willen wende ab deinen Zorn und Grimm von deiner Stadt Jerusalem und deinem heiligen Berg. Denn wegen unserer Sünden und wegen der Missetaten unserer Väter trägt Jerusalem und dein Volk Schmach bei allen, die um uns her wohnen. 17 Und nun, unser Gott, höre das Gebet deines Knechtes und sein Flehen. Lass leuchten dein Angesicht über dein zerstörtes Heiligtum um deinetwillen, Herr! 18 Neige deine Ohren, mein Gott, und höre, tu deine Augen auf und sieh an unsere Trümmer und die Stadt, die nach deinem Namen genannt ist. Denn wir liegen vor dir mit unserm Gebet und vertrauen nicht auf unsre Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit. 19 Ach, Herr, höre! Ach, Herr, sei gnädig! Ach, Herr, merk auf und handle! Säume nicht – um deinetwillen, mein Gott! Denn deine Stadt und dein Volk ist nach deinem Namen genannt.

 

 

Liebe Gemeinde,

„Not lehrt beten“, heißt es. Daher muss Daniel durchaus große Not gespürt haben, als dieses 9. Kapitel seines Prophetenbuches niedergeschrieben wurde. Ich weiß nicht, ob für Sie beten auch nur in Momenten extremer Anspannung, in der Krise oder in Hilflosigkeit angemessen scheint oder ob es zum normalen Alltag gehört: als Danke und Bitte in einem ausgewogenen Verhältnis, als Für-Bitte für andere und als Bitte zum eigenen Wohl. Immer wieder ist die Frage, was und wieviel davon wohl von Gott beantwortet, erhört wird. Wie empfinde ich Gott, dem ich mein Gebet anvertraue?

So beginnt das Gebet bei Daniel mit einem durchaus zwiespältigen Bekenntnis: „Du großer und schrecklicher Gott“, zu dieser Formulierung ist die neue Lutherbibel zurückgekehrt, und die neue Übersetzung der Basisbibel setzt noch eins drauf: „Du großer und furchteinflößender Gott“. Nachdem Beten Vertrauenssache ist, welches dieser Worte weckt wohl Vertrauen? Welches kann als Diskussionsgrundlage dienen, wenn wir uns an ihn wenden? Gut, dass der Satz noch fortgesetzt wird: „... der du Bund und Gnade bewahrst denen, die dich lieben und deine Gebote halten! Es wird deutlich: Die Beziehung mit Gott muss nicht erst erfunden werden, sie besteht generationenübergreifend, seit die Israeliten aus Ägypten geführt wurden und durch Mose die Gebote empfingen. Der Maßstab bleibt, wenn auch die Zeitumstände sich ändern. An solchen alten Mustern kann man Halt und Orientierung finden.

Und Daniel greift auch auf solche alten Vorlagen zurück: Er bekennt sich schuldig, noch bevor eine konkrete Schuld benannt ist. Er bekennt die Schuld seines Volkes Israel, das im Niedergang der Königreiche und im Exil gipfelte. Die Geschichte wird als stetige Entfernung von Gott gedeutet, die Unheil nach sich zieht. Diese Erklärung ist nicht neu, die Untreue des erwählten Volkes Israel ist das durchgängige Thema der biblischen Geschichtsbücher, und bemerkenswert ist nur, dass sie auch hier, beim spätesten Buch des Alten Testaments wieder herangezogen wird: in der Krise, als der syrische König Antiochus IV. den jüdischen Glauben verbieten lässt, im Tempel die Verehrung heidnischer Götter fordert und den Tempelschatz plündert, wiederum ein Tiefpunkt der Geschichte Israels. Es sind zwei Fragen, die ich mir dazu stelle: Muss ich mich beim Beten erst einmal klein machen, und was bewirken solche pauschalen Schuldbekenntnisse? Man kann dabei gleich zu dem Vers 19 gehen: „Wir liegen vor dir mit unserm Gebet …“ Wie viele Generationen von Christen haben zuerst auf ihre Schuld gesehen, haben die Passion Jesu von ihnen verursachtes Leid verstanden, nach außen eine Haltung von Demut und Zerknirschung an sich getragen. Die Zeiten sind vorbei, Schuld ist meistens kein Thema, außer man wird erwischt, und schuldig sind meist die anderen. Und dann blitzt es manchmal doch auf, dass geschichtliche Verantwortung übernommen wird, Willy Brandts Kniefall am Denkmal des Warschauer Ghettos zum Beispiel, das Stuttgarter Schuldbekenntnis der EKD 1945 oder auch eine tief empfundene, nicht nur leichtfertig dahingesagte Entschuldigung unter Menschen. Schuld einzugestehen, Fehler zuzugeben, sich der Wahrheit stellen – das kann ein Ausdruck von Stärke sein. Darin steckt jedesmal eine Chance, ein erster Schritt hin zu einem Aufeinander-Zugehen, zur Versöhnung, einem neuen, bereinigten Miteinander. Im Gottesdienst gehen wir diesen Schritt rituell immer nach dem Eingangslied, weil wir eben – und das in vielfältiger Weise – Gott und unseren Nächsten immer etwas schuldig bleiben. Davon wird niemand kleiner, indem wir uns einer unvermeidlichen Tatsache unseren Daseins stellen. Für die Israeliten – und auch für uns als die Gemeinde des neuen Bundes – waren und sind die Gebote ein bleibender Maßstab. Und – um ein alltägliches Beispiel zu nehmen – wenn man viele Male ein Stoppschild einfach überfahren hat, ist es dann ein Wunder, dass irgendwann ein Strafbefehl ins Haus flattert? Nur von Gott denken wir, dass er doch alles mit Freundlichkeit und Liebe hinnehmen soll? Unser Handeln hat doch Konsequenzen. Wenn wir ehrlich sind, spüren wir es doch auch selbst, wenn wir zu weit gegangen sind, wir in einer Auseinandersetzung um jeden Preis recht behalten wollten, wenn wir über andere herziehen, ohne dass irgendwann auch einmal Schluss ist, dass wir gegenüber späteren Generationen schuldig werden, wenn wir die Erde unseren Konsum und Wohlstand abverlangen. In diesem Jahr fiel der Erdüberlastungstag auf den 5. Mai, d.h. ab jetzt verbrauchen wir Ressourcen, die nicht mehr durch neu Gebildete ersetzt werden können. So gesehen, ist der Ansatz bei der Schuld vielleicht doch nicht so realtätsfern, und auch der Blick auf das große Ganze öfter nötig als man denkt. Und wenn schon gebetet wird, sollte es mit Ernst und Hingabe geschehen. Was spricht dagegen, sich wirklich zu Boden zu werfen, wirklich sein Schicksal in Gottes Hand zu legen und nicht nur um das zu bitten, was einem momentan nützt oder aus einer Verlegenheit hilft. Die Richtung und die Inhalte des Gebets sind nicht beliebig, sondern sie sollten sich an dem orientieren, was Gottes Wille und Verheißung ist. In unserm Abschnitt sind es die großen Stichworte Barmherzigkeit, Gnade und Gerechtigkeit, an denen entlang gebetet werden kann. Sie weisen über unsern kleinen Gesichtskreis hinaus, und verlangen, wenn ernsthaft gebetet wird, auch noch dem entsprechenden Tun. „Ach Herr, merk auf! Tue es und säume nicht!“, das gilt auch für uns, soweit es in unserer Macht steht. So verlängern wir Gottes Güte vom Himmel auf die Erde, und ebenso würde unser begrenztes Wollen und Tun von Gott bestätigt und gestärkt. Wenn wir wollen, dass Gott sein Urteil über uns revidiert, müssen wir ebenfalls bereit sein zur Umkehr, hin zu ihm.