Gottesdienst am Sonntag, 5. Juli 2020 – vierter Sonntag nach Trinitatis

Epistel, zugleich Predigttext: Römer 12,17-21

 

17 Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann.

18 Ist's möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.

19 Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben (5.Mose 32,35): »Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.«

20 Vielmehr, »wenn deinen Feind hungert, so gib ihm zu essen; dürstet ihn, so gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln« (Sprüche 25,21-22).

21 Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

 

 

Evangelium: Lukas 6,36-42

 

Jesus sprach: 36 Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.

37 Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben.

38 Gebt, so wird euch gegeben. Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß wird man in euren Schoß geben; denn eben mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird man euch zumessen.

39 Er sagte ihnen aber auch ein Gleichnis: Kann denn ein Blinder einem Blinden den Weg weisen? Werden sie nicht alle beide in die Grube fallen?

40 Ein Jünger steht nicht über dem Meister; wer aber alles gelernt hat, der ist wie sein Meister.

41 Was siehst du den Splitter in deines Bruders Auge, aber den Balken im eigenen Auge nimmst du nicht wahr?

42 Wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt still, Bruder, ich will dir den Splitter aus deinem Auge ziehen, und du siehst selbst nicht den Balken in deinem Auge? Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge, danach kannst du sehen und den Splitter aus deines Bruders Auge ziehen.


 

Liebe Gemeinde!

„Hatte er oder sie Feinde?“ - oft genug stellt diese Frage der Kommissar im Krimi. Ich denke, die meisten von uns würden sie verneinen. Es ist ja ein ganz großes Geschenk, dass wir untereinander weitgehend in Frieden leben können. Und selbst wehren müssen wir uns meist auch nicht – man übergibt die Sache einem Rechtsanwalt oder der Polizei.

Wenn Paulus das Problem des Bösen aufwirft, dann sicher nicht nur aus theoretischem Interesse. Es wäre ja schön, wenn es sich einfach vom Hals schaffen könnte, wenn Gott es einfach wegräumen würde: „... sondern erlöse uns von dem Bösen“ …

Paulus und die frühen christlichen Gemeinden waren oft auf Misstrauen, auf Widerstand gestoßen. Ihre Botschaft galt als aufrührerisch, als staatsfeindlich, und die Folge war, dass sie ins Gefängnis kamen kamen, vertrieben wurde, wie Jesus auf den Tod verfolgt. War das „böse“, oder taten die Verfolger nur ihre Pflicht zur Aufrechterhaltung der Ordnung, so wie sie es verstanden? Selten wird man im Leben wohl auf ein absolutes Böses stoßen, vielmehr wohl auf Selbstbehauptung, Ignoranz, Macht- und Konkurrenzspiele. Doch die Frage bleibt, und schon Jesus hat sie in der Bergpredigt aufgeworfen: Wie darauf reagieren? Gleiches mit Gleichem, das gilt weithin als erlaubt und angemessen; „wie du mir, so ich dir“. Paulus rät, wie schon Jesus, davon abzugehen. Er stellt dagegen das Prinzip: „Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann.“ Wenn das jeder beherzigen würde, wäre die Welt um einiges besser, auch wenn man weiß, dass „gut gemeint“ nicht immer schon zum Guten führt.

Denn was „gut“ ist, entscheidet sich an der Frage „für wen?“ Für mich selbst, meinen engsten Umkreis, mein Land, für die gesamte Welt einschließlich zukünftiger Generationen? Je nachdem werden die Antworten verschieden ausfallen. Unsere Wirtschaftsordnung blendet ja einige dieser Komponenten aus, wenn seit Adam Smith behauptet wird, dass das, was jeder zum eigenen Vorteil tut, schließlich von selbst zum Wohl aller führt. Manche der gegenwärtigen Diskussionen zeigen die blinden Flecke unserer Wahrnehmung: dass die Kolonialisierung der Welt den europäischen Mächten Wohlstand gebracht hat, aber auf Kosten der verarmten und rassistisch abgewerteten Bevölkerung.

Trotzdem ist die Zielrichtung unbestreitbar richtig und menschlich: „Ist's möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.“ Das kommt auch einem selbst zugute. Wir wissen, wie sich schwelende Konflikte auf unser Wohlbefinden auswirken, Lebensfreude und Kreativität belasten. Gut, wenn man es abgeben an eine höhere Instanz: „Die Rache ist mein.“ - darin steckt die Erwartung, dass am Ende sich Gottes ausgleichende Gerechtigkeit erweist und die Kette von Rache und Vergeltung durchbricht.

Es ist ja eine paradoxe Antwort, wenn ausgerechnet dem Feind Essen und Trinken gegeben wird, ein Akt unverdienter Güte, die vielleicht nachdenklicher macht als das Beharren auf Rache. Ob es funktioniert, lässt sich nie voraussagen. Aber das Vergeltungsprinzip ist nur zu oft gescheitert: „Wenn es heißt 'Auge um Auge, Zahn um Zahn', dann wird es am Ende nur noch Blinde und Zahnlose geben“, hat Martin Luther King einmal gesagt. Und im Kalten Krieg hatte man die angedrohte Vergeltung so weit hochgeschraubt, dass man die Erde mehrfach hätte vernichten können.

Mit diesen Erfahrungen im Hintergrund erscheinen die Empfehlungen des Paulus nicht mehr ganz so überzogen und weltfremd. Es ist ein Risiko dabei, den kürzeren zu ziehen, am Ende dem Bösen hilflos zusehen zu müssen. Daher passen Gewaltverzicht und Feindesliebe vielleicht nicht in jede Situation, aber in viele. Denn um sich zu begegnen und einig zu werden, ist viel Gedankenarbeit und Einfühlungsvermögen nötig, die Fähigkeit, Interessen zu erkennen und auszugleichen. „Besser langsam geredet als schnell geschossen“, hat Friedrich Schorlemmer einmal gesagt. Die Prozesse der Entfeindung brauchen Zeit, und die Erkenntnis, dass sich immer Menschen gegenüberstehen, die sich nur stark fühlen, wenn sie die eigene Bedürftigkeit und Verletzlichkeit verdrängen. Aber Böse und Gut, Stark und Schwach sind nicht ein für allemal festgelegt, sie verschwimmen, wo wirkliche und ehrliche Begegnung geschieht.