Gottesdienst am Sonntag, den 18.10.2020 – 19. Sonntag nach Trinitatis

Epistel: Jakobus 5,13-16

13 Leidet jemand unter euch, der bete; ist jemand guten Mutes, der singe Psalmen. 14 Ist jemand unter euch krank, der rufe zu sich die Ältesten der Gemeinde, dass sie über ihm beten und ihn salben mit Öl in dem Namen des Herrn. 15 Und das Gebet des Glaubens wird dem Kranken helfen, und der Herr wird ihn aufrichten; und wenn er Sünden getan hat, wird ihm vergeben werden.

16 Bekennt also einander eure Sünden und betet füreinander, dass ihr gesund werdet. Des Gerechten Gebet vermag viel, wenn es ernstlich ist.

 

Evangelium: Markus 2,1-12

1 Jesus ging wieder nach Kapernaum; und es wurde bekannt, dass er im Hause war. 2 Und es versammelten sich viele, sodass sie nicht Raum hatten, auch nicht draußen vor der Tür; und er sagte ihnen das Wort. 3 Und es kamen einige, die brachten zu ihm einen Gelähmten, von vieren getragen. 4 Und da sie ihn nicht zu ihm bringen konnten wegen der Menge, deckten sie das Dach auf, wo er war, gruben es auf und ließen das Bett herunter, auf dem der Gelähmte lag. 5 Da nun Jesus ihren Glauben sah, sprach er zu dem Gelähmten: Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben.

6 Es saßen da aber einige Schriftgelehrte und dachten in ihren Herzen: 7 Wie redet der so? Er lästert Gott! Wer kann Sünden vergeben als Gott allein? 8 Und Jesus erkannte alsbald in seinem Geist, dass sie so bei sich selbst dachten, und sprach zu ihnen: Was denkt ihr solches in euren Herzen? 9 Was ist leichter, zu dem Gelähmten zu sagen: Dir sind deine Sünden vergeben, oder zu sagen: Steh auf, nimm dein Bett und geh hin? 10 Damit ihr aber wisst, dass der Menschensohn Vollmacht hat, Sünden zu vergeben auf Erden – sprach er zu dem Gelähmten: 11 Ich sage dir, steh auf, nimm dein Bett und geh heim! 12 Und er stand auf und nahm sogleich sein Bett und ging hinaus vor aller Augen, sodass sie sich alle entsetzten und Gott priesen und sprachen: Wir haben solches noch nie gesehen.

 

Predigttext: Epheser 4,22-32

22 Legt von euch ab den alten Menschen mit seinem früheren Wandel, der sich durch trügerische Begierden zugrunde richtet. 23 Erneuert euch aber in eurem Geist und Sinn 24 und zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit.

25 Darum legt die Lüge ab und redet die Wahrheit, ein jeder mit seinem Nächsten, weil wir untereinander Glieder sind. 26 Zürnt ihr, so sündigt nicht; lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen 27 und gebt nicht Raum dem Teufel. 28 Wer gestohlen hat, der stehle nicht mehr, sondern arbeite und schaffe mit eigenen Händen das nötige Gut, damit er dem Bedürftigen abgeben kann. 29 Lasst kein faules Geschwätz aus eurem Mund gehen, sondern redet, was gut ist, was erbaut und was notwendig ist, damit es Gnade bringe denen, die es hören. 30 Und betrübt nicht den Heiligen Geist Gottes, mit dem ihr versiegelt seid für den Tag der Erlösung. 31 Alle Bitterkeit und Grimm und Zorn und Geschrei und Lästerung seien fern von euch samt aller Bosheit. 32 Seid aber untereinander freundlich und herzlich und vergebt einer dem andern, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus.

 

Liebe Gemeinde!

Haben Sie auch schon prüfend vor dem Spiegel gestanden: Passt mir das? Und das ist nicht nur eine Frage der Passform, ob zu eng oder zu weit. Passt das zu mir, zu meinem bisherigen Stil, zu dem, wie ich mich ausdrücken möchte? Denn das, was wir den anderen zeigen, ist unsere Oberfläche, unsere Gestalt, die Art, wie wir uns geben. Und Kleidung gehört ganz bestimmt mit dazu. Neue Kleider müssen erst einmal anprobiert werden. Kann ich mich so sehen lassen? Will ich etwas Neues wagen oder lieber beim Gewohnten Stil bleiben? Manchmal ist das Erscheinungsbild schon festgelegt – durch eine Uniform oder einen ungeschriebenen Dresscode, durch Vorbilder, denen ich nacheifere. Schwieriger ist die Frage: Fühle ich mich denn wohl in meiner Kleidung, in meiner Haut? Was würde ich gerne ablegen? Vielleicht hier und da ein paar Gramm Fett, vielleicht ein paar schlechte Angewohnheiten, vielleicht einen Teil meiner Vergangenheit … ? Was würde passieren, wenn ich noch einmal ganz neu anfangen könnte?

Das ist das verlockende Gedankenspiel, mit dem unser Predigttext beginnt. „Legt ab den alten Menschen!“ Das erinnert an die Vorsätze zu Neujahr, die doch ein paar Tage später nur noch halb so dringend sind. Die Beharrungskräfte sind meistens stärker, Gewohnheiten machen sich gerne breit. Was der Epheserbrief hier vor Augen hat, was er als dunklen Kontrast beleuchtete, sind die Lebensweisen der heidnischen Umwelt, vor allen Ausschweifung, Habgier und Lüge. Dagegen sollen sich nun die Christen abheben: Leben in Wahrheit und Geschwisterlichkeit. Leicht lässt sich ein Bild des „idealen“ Menschen zeichnen, so wie ihn Gott bei der Schöpfung gewollt hat. Wenn Künstler Adam und Eva darstellen, sind sie jung und makellos schön, uns sicherlich ebenso klug. Nur wir sind es nicht. Äußerlich unterscheiden sich die Christen nicht von allen anderen.

Nun richtet sich der Epheserbrief – auch wenn in ihm vieles wie eine erweiterte Taufpredigt wirkt – an Menschen, die schon in zweiter Generation Christen sind. Was zunächst neu war, ist jetzt schon überkommen und vertraut geworden, und was verlockend „neu“ erscheint, kommt von außerhalb der Gemeinde und könnte den Rückfall in frühere Verhaltensmuster bedeuten.

So muss hier ein Ausrufezeichen gesetzt werden: Die Erneuerung von Herz und Sinn ist noch nicht ans Ziel gekommen, sie ist und bleibt eine Lebensaufgabe. Christ zu sein ist mehr als ein nach außen hin „anständiges“ Leben, auch wenn das schon viel bedeutet, und - auch wenn „fromm“ immer ein wenig nach Übertreibung und Naivität klingt – nicht nachzulassen in dem Versuch, der Güte Gottes im eigenen Leben Gestalt zu geben. Das ist nicht einfach ein Versuch der Selbstoptimierung, es ist immer die Gemeinschaft, die Gemeinde mit eingebunden: „weil wir untereinander Glieder sind.“ Der Epheserbrief stellt das Thema „Kirche“ in den Mittelpunkt.

Zunächst einmal ist Verzicht gefragt. Ich kann ja auch, wenn ich will, böse, hinterhältig und gemein, arrogant und intrigant sein, und viele sind gut darin, trotzdem noch ihre Fassade zu wahren. Aber ich muss es nicht, ich kann nach anderen, ehrlicheren Wegen suchen, die einen womöglich hinterfragbar und verletzlich machen. Die weiteren Beispiele greifen auf bekannte Themen der biblischen und griechischen Weisheitsüberlieferung zurück: Umgang mit dem Zorn, mit Arbeit und Besitz, mit der Wahrhaftigkeit in der Sprache. Nicht was gesagt wird, ist überraschend, sondern wie es gesagt wird: nicht nur einfach ein Verbot, sondern noch eine Empfehlung dazu, wie man es besser machen könnte, und eine Motivation: es nützt allen! Beim Thema „Stehlen“ wird zum Beispiel die ehrliche Arbeit empfohlen, nicht nur für den eigenen Verdienst, sondern um am Ende auch Bedürftigen noch abgeben zu können. So erst ist das Gebot wirklich zuende gedacht. Es geht also nicht um Selbstoptimierung, sondern ebenso um gemeinschaftsgerechtes Verhalten. Was wir tun und wie wir es tun, hat immer auch Auswirkungen auf andere. Viele Möglichkeiten gibt es, andere um ihren Besitz zu bringen, und nicht alle sind verboten. Man denke einmal an den Raubbau – es steckt schon im Wort – an der Natur oder der Arbeitskraft von Menschen. Auch was und wie geredet wird, ist von Bedeutung. Es gibt – so habe ich es einmal meinen Schülern erklärt – eine „Umweltverschmutzung durch Worte“ - sinnloses oder beleidigendes Gerede, sie wussten sofort, was gemeint war. Zu unserem eigenen Bemühen muss immer noch das Wirken des Heiligen Geistes hinzutreten, die von der Taufe an geltende Zusage der Erlösung, um nicht wieder in alte und scheinbar so vorteilhafte Verhaltensmuster zurückzufallen. Sie ablegen ist das eine, aber auf der Suche nach dem Neuen kann man sich erst einmal sehr nackt, unbeholfen und verletzlich vorkommen. Wie passt mein neues Bemühen zu mir? Vielleicht ist der erste Raum, es auszuprobieren, der geschützte Raum einer Gemeinde. Dann würden wir uns in der Kirche versammeln wie in einem „Anproberaum für unsere neuen Talente“.