Gottesdienst am 22. März 2020 - Sonntag Lätare

Epistel: 2. Korinther 1,3-7

Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes,

der uns tröstet in aller unserer Bedrängnis, damit wir auch trösten können, die in allerlei Bedrängnis sind, mit dem Trost, mit dem wir selber getröstet werden von Gott.

5 Denn wie die Leiden Christi reichlich über uns kommen, so werden wir auch reichlich getröstet durch Christus.

6 Werden wir aber bedrängt, so geschieht es euch zu Trost und Heil; werden wir getröstet, so geschieht es euch zum Trost, der sich wirksam erweist, wenn ihr mit Geduld dieselben Leiden ertragt, die auch wir leiden.

7 Und unsre Hoffnung steht fest für euch, weil wir wissen: Wie ihr an den Leiden teilhabt, so habt ihr auch am Trost teil.

 

Evangelium: Johannes 12,20-24

 

20 Es waren aber einige Griechen unter denen, die heraufgekommen waren, um anzubeten auf dem Fest.

21 Die traten zu Philippus, der aus Betsaida in Galiläa war, und baten ihn und sprachen: Herr, wir wollen Jesus sehen.

22 Philippus kommt und sagt es Andreas, und Andreas und Philippus sagen's Jesus.

23 Jesus aber antwortete ihnen und sprach: Die Stunde ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht werde.

24 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.

 

Predigttext: Jesaja 66,10-14

 

10 Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid.

11 Denn nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes; denn nun dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an ihrer vollen Mutterbrust.

12 Denn so spricht der Herr: Siehe, ich breite aus bei ihr den Frieden wie einen Strom und den Reichtum der Völker wie einen überströmenden Bach. Da werdet ihr saugen, auf dem Arm wird man euch tragen und auf den Knien euch liebkosen.

13 Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden.

14 Ihr werdet's sehen und euer Herz wird sich freuen, und euer Gebein soll grünen wie Gras. Dann wird man erkennen die Hand des Herrn an seinen Knechten und den Zorn an seinen Feinden.

 

Liebe Gemeinde!

 

Freuet euch mit Jerusalem! Der Appell zur Freude – passend zu Sonntag „Laetare“, d.h. „Freut euch“, wird heute auf gemischte Reaktionen stoßen: Die Erleichterung und Dankbarkeit, wenn bisher im persönlichen Umfeld noch keine Erkrankung aufgetreten ist, und die Sorge, wie die notwendigen Vorsichtsmaßnahmen uns und unser Zusammenleben beeinflussen werden. Wie können wir die kommenden Wochen gut überstehen oder sogar aktiv mitgestalten, wo viele gewohnte Aktivitäten nun beschränkt oder unmöglich geworden sind?

Ich denke, dass der Prophet Jesaja – genauer gesagt ein namenloser Fortschreiber des ersten Jesaja, oder vielleicht eine Fortschreiberin – sich der Schwierigkeiten der Zeit damals wohl bewusst war. Es ging um einen Neuanfang, einen Neuaufbau im materiellen und in geistlichen Sinn. Die Israeliten kehrten aus dem Exil zurück und versuchten nun, das Gewirr der Trümmer neu zu ordnen. Da mag Resignation – man weiß ja gar nicht, wo man anfangen soll - ebenso mitgespielt haben wie ungezügelter Tatendrang – jetzt nur nach vorne schauen! Unser prophetischer Text regt zu etwas Anderem an: nämlich die Blickrichtung zu verändern, gewohnte Wahrnehmungsmuster zu verändern: Wie könnte Gottes Geleit in dieser Umbruchssituation aussehen? Was gibt Kraft und Sicherheit?

Die Antwort führt in die früheste Kindheit, in die Gefühlswelt eines Säuglings. Er kennt für seinen Hunger und Durst nur eine Quelle: die Brust der Mutter. Sie gibt, scheinbar unerschöpflich, Nahrung und Energie. Sie bedeutet Liebe, Vertrauen und Geborgenheit. Der erste Schritt zum Neuanfang scheint ein Rückschritt zu sein: alles auf Anfang, wie ein Neugeborenes wahrnehmen und nehmen, was einem gegeben ist: es ist für dich. Anfangs scheint Zion die Gebende, Nährende zu sein, der Berg, auf dem Jerusalem erbaut ist, aber zwei Verse weiter spricht Gott selbst von sich: „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“ – und hier, so scheint es, ist schon der selbst verantwortliche, erwachsene Mensch angesprochen, der natürlich genauso Zuspruch und Ermutigung braucht. Die Erfahrung schlechthinniger Abhängigkeit – und nichts anderes ist der Glaube – lähmt nicht, sie lässt uns ganz bei Trost sein. Hier erwächst genau die Kraft, die die nächsten Aufgaben erfordern. Gottes Wirken zeigt sich hier ganz von ihrer mütterlichen Seite. Der strenge, fordernde Vatergott tritt in den Hintergrund. Ganz bewusst setzt das Jesajabuch auf weibliche Bilder von Gott. Es ist Zeit, vor allem Tun, Leisten und Bewerten erst einmal tief einzuatmen und in sich aufzunehmen, was uns tröstet, nährt und Kraft gibt.
Was könnte das sein? Die nächste Zeit, in der die äußeren Gestaltungsmöglichkeiten eingeschränkt sind, kann vielleicht dafür gut sein, diesen Fragen nachzugehen. Möglicherweise können wir dann auch unseren eigenen inneren Reichtum besser zu erkennen: Kontakte, durch die ich spüre: ich bin nicht allein; Fürsorge, einen der eher mütterlichen Züge, die ich annehmen und auch geben kann, Verbundensein im Geist und im Glauben. Auch die Rückkehrer aus dem Exil wurden nicht nach ihren Taten beurteilt, sondern von Gottes Gaben förmlich überschüttet: „Frieden wie einen Strom und Reichtum der Völker wie einen überströmenden Bach“. Dies sind Gaben, die man nicht allein für sich hat. Es könnte eine der Lehren der Geschichte gewesen sein, dass auch das auserwählte Volk nicht isoliert für sich existiert, sondern dass es ihm gut geht, wenn es in Frieden und Verbundenheit mit allen übrigen Völkern lebt. Heil und Segen sind dann richtig verstanden, wenn sie allen Menschen zugänglich sind.

Sich Gott über seine weibliche, liebevoll nährende Seite zu nähern kann in diesen Tagen ein Trost sein. Nicht erst die feministischen Theologinnen, sondern schon die Dichter des 17. Jahrhunderts wussten um Gottes väterlich-mütterliches Wirken und fordern uns auf, ihm sich anzuvertrauen. So heißt es in dem Lied „Sei Lob und Ehr dem höchsten Gut“ (EG 328, Text: Johann Jakob Schütz 1675):

Was unser Gott geschaffen hat, / das will er auch erhalten, /
darüber will er früh und spat / mit seiner Güte walten. /
In seinem ganzen Königreich / ist alles recht, ist alles gleich. / Gebt unsern Gott die Ehre!

Ich rief zum Herrn in meiner Not: / „Ach Gott, vernimm mein Schreien!“ /
Da half mein Helfer mir vom Tod / und ließ mir Trost gedeihen. /
Drum dank, ach Gott, drum dank ich dir; / ach danket, danket Gott mit mir! /

Der Herr ist noch und nimmer nicht / von seinem Volk geschieden; /
Er bleibet seine Zuversicht, / ihr Segen, Heil und Frieden. /
Mit Mutterhänden leitet er / die Seinen stetig hin und her. / Gebt unsern Gott die Ehre!

Wenn Trost und Hilf ermangeln muss, / die alle Welt erzeiget, /
so kommt, so hilft der Überfluss, / der Schöpfer selbst, und neiget /
die Vateraugen denen zu, / die sonsten nirgends finden Ruh. / Gebt unsern Gott die Ehre!