Gottesdienst am 24. Mai 2020 – Sonntag Exaudi

Epistel: Epheser 3,14-21

14 Deshalb beuge ich meine Knie vor dem Vater,

15 von dem jedes Geschlecht im Himmel und auf Erden seinen Namen hat,

16 dass er euch Kraft gebe nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit, gestärkt zu werden durch seinen Geist an dem inwendigen Menschen,

17 dass Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne. Und ihr seid in der Liebe eingewurzelt und gegründet,

18 damit ihr mit allen Heiligen begreifen könnt, welches die Breite und die Länge und die Höhe und die Tiefe ist,

19 auch die Liebe Christi erkennen könnt, die alle Erkenntnis übertrifft, damit ihr erfüllt werdet, bis ihr die ganze Fülle Gottes erlangt habt.

20 Dem aber, der überschwänglich tun kann über alles hinaus, was wir bitten oder verstehen, nach der Kraft, die in uns wirkt,

21 dem sei Ehre in der Gemeinde und in Christus Jesus durch alle Geschlechter von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

Evangelium: Johannes 16,1-15

1 Das habe ich zu euch geredet, dass ihr nicht zu Fall kommt.

2 Sie werden euch aus der Synagoge ausstoßen. Es kommt aber die Zeit, dass, wer euch tötet, meinen wird, er tue Gott einen Dienst.

3 Und das werden sie tun, weil sie weder meinen Vater noch mich erkennen.

4 Aber dies habe ich zu euch geredet, damit, wenn ihre Stunde kommen wird, ihr daran denkt, dass ich's euch gesagt habe. Zu Anfang aber habe ich es euch nicht gesagt, denn ich war bei euch.

5 Jetzt aber gehe ich hin zu dem, der mich gesandt hat; und niemand von euch fragt mich: Wo gehst du hin?

6 Doch weil ich dies zu euch geredet habe, ist euer Herz voll Trauer.

7 Aber ich sage euch die Wahrheit: Es ist gut für euch, dass ich weggehe. Denn wenn ich nicht weggehe, kommt der Tröster nicht zu euch. Wenn ich aber gehe, werde ich ihn zu euch senden.

8 Und wenn er kommt, wird er der Welt die Augen auftun über die Sünde und über die Gerechtigkeit und über das Gericht;

9 über die Sünde: dass sie nicht an mich glauben;

10 über die Gerechtigkeit: dass ich zum Vater gehe und ihr mich hinfort nicht seht;

11 über das Gericht: dass der Fürst dieser Welt gerichtet ist.

12 Ich habe euch noch viel zu sagen; aber ihr könnt es jetzt nicht ertragen.

13 Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in aller Wahrheit leiten. Denn er wird nicht aus sich selber reden; sondern was er hören wird, das wird er reden, und was zukünftig ist, wird er euch verkündigen.

14 Er wird mich verherrlichen; denn von dem Meinen wird er's nehmen und euch verkündigen.

15 Alles, was der Vater hat, das ist mein. Darum habe ich gesagt: Er nimmt es von dem Meinen und wird es euch verkündigen.

Predigttext: Jeremia 31,31-34

31 Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen,

32 nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen, mein Bund, den sie gebrochen haben, ob ich gleich ihr Herr war, spricht der HERR;

33 sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der HERR: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein.

34 Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: »Erkenne den HERRN«, denn sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der HERR; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.

Liebe Gemeinde!

Eine neuer Bund mit Gott! Das „neu“ lässt aufhorchen. Man erwartet ein neues Produkt, ein neues Angebot, eine neue Technologie. Die Werbung stellt die Vorzüge des Neuen heraus. Die Erwartung ist, dass es ein Verbesserung bringt, dass das Leben dadurch angenehmer und leichter wird. Dahinter steckt natürlich der – nicht mehr ganz ungebrochene – Fortschrittsglaube. So ist es die Frage, ob der neue Bund gegenüber dem alten einen Fortschritt bedeutet, und was überhaupt damit gemeint ist.
„Bund“ - das ist ein Verhältnis von Treue und Verpflichtung, das für beide Teile dauerhaft und bindend ist. Für uns heutige ist der Gedanke eher ferner gerückt. Viele neigen dazu, sich nicht binden, sie „halten sich alle Optionen offen“, sie entscheiden aus dem Moment heraus, was für sie das Günstigste erscheint. Im Namen der Freiheit wollen sie selbst ihr Leben bestimmen und sich von äußeren Vorschriften möglichst frei machen. Vielleicht stoßen deswegen die aktuellen Corona-Regeln – ob im Einzelnen nachvollziehbar oder nicht – bei manchen auf so heftigen Widerstand. Dabei sind wir alle, näher betrachtet, doch schon eine Menge Verpflichtungen in unserem Leben eingegangen, ganz von alleine: Da sind die finanziellen Verpflichtungen – die Miete ist zu zahlen, Versicherungen, Kredite und Rechnungen. Das Auto, die Wohnung müssen in Schuss gehalten werden, unsere Arbeit soll sorgfältig und pünktlich gemacht sein, und dann sind da noch die menschlichen Verpflichtungen: gegenüber dem Ehepartner, den Kindern und Verwandten, den Freunden und Nachbarn. Zudem müssen wir uns an Gesetze und Vorschriften halten, nicht nur im Straßenverkehr. All dies zusammen trübt doch das Bild von einem freien, ungebundenen Leben.

Nun geht es aber beim „Bund“ um eine Verpflichtung Gott gegenüber, die zu allem anderen dazukommt und Anspruch auf das ganze Leben erhebt: „Gott zu lieben von ganzem Herzen und ganzer Seele und ganzem Gemüt“. Jetzt im April und Mai wären überall die Konfirmationsgottesdienste, in denen die jungen Christen sich verpflichten, ihrem Glauben treu zu bleiben. Ich weiß, dass ich damals dieses Versprechen durchaus Ernst genommen habe – nur mit der Zeit verflüchtigt sich sich die Erinnerung dann doch. Wie immer, wenn man versucht, ein neuer Mensch zu werden, bleibt doch immer noch viel von dem alten übrig.

Und so geht bei Jeremia die Initiative ganz von Gott aus. Viermal das Gesagte vergewissernd schreibt der Prophet: „Spricht der HERR“. Schon der erste Bund war mit einer Befreiungstat Gottes verbunden, damals, mit den Vätern, „als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen“. Fürsorglich, ja zärtlich begleitet Gott sein Volk von Anfang an. Der Bund vom Sinai ist Ausdruck von Gottes vorausschauender Güte und Treue, die von seiner Seite immer bestehen blieb. Doch, ohne auf Einzelheiten einzugehen, muss festgestellt werden, dass der Bund gebrochen ist. Unzählige Male muss es passiert sein, zum ersten Mal schon, während Mose auf dem Berg Sinai die zehn Gebote empfing, und die Israeliten unten im Tal ihren eigenen Gott formten, das goldene Kalb. Ist also, was Gott von den Menschen will, von Anfang an zum Scheitern verurteilt? Man könnte es meinen, doch die jüdische Überlieferung hält mit aller Entschlossenheit und Sorgfalt an Gottes Gebot und Weisung fest. Diese Gebote werden nicht als einschränkend, sondern als Grund zu Dankbarkeit und Freude wahrgenommen. Schließlich wirken sie wie Leitplanken, um nicht vom Weg abzukommen, das heißt den Respekt vor Gott, den Mitmenschen und ihren Rechten zu verlieren. Viele unserer heutigen Gesetzesregelungen haben ebenso den Schutz von Leben, Würde, Eigentum und Miteinander zum Ziel. Dabei ist, wie auch zu israelitischer Zeit, der Umfang der Rechtstexte und Vorschriften immer größer und unübersichtlicher geworden, die guten Absichten dadurch durchkreuzt, dass Vieles nur auf dem Papier steht oder gar nicht bekannt ist.

Wie also bringt man Leben in diese vielen Verpflichtungen? Wie können sie weiter wirken, obwohl man beständig an ihnen scheitert?

Hier kommt das Wort vom „neuen Bund“ ins Spiel, das man nur hier bei Jeremia findet. „Es kommt die Zeit“, heißt es, es ist also noch Zukunftsmusik. Aber der Entschluss steht fest, und es klingt schon an, was Gott gegenüber dem alten Bund ändern will: die Art, wie er wirkt. Nicht von außen kommen die Handlungsanweisungen, sondern tief aus dem Inneren, aus dem Herz, das im Alten Testament nicht als Sitz der Gefühle verstanden wird, sondern als die Schaltzentrale für überlegtes Handeln. Wie viel Geschriebenes passt in ein Herz? Damit man es sich zu Herzen nehmen kann, ist ein kurzes, einleuchtendes Prinzip sinnvoll, aus dem man alles andere ableiten kann. Es muss Mitte der Tora, des göttlichen Gebots sein und gleichzeitig einleuchtend und verständlich. Das erinnert an eine jüdische Geschichte: Ein Gottesfürchtiger kam zum Rabbi Schammai, und bat ihn, ihm das Gesetz Gottes zu erklären, während er auf einem Bein stand. Der Rabbi hielt das angesichts der vielen Gesetzesbestimmungen für einen schlechten Witz und warf ihn heraus. Der Fragende aber ging zu Rabbi Hillel mit dem selben Anliegen. Und dieser antwortete kurz und knapp: Du sollst Gott von ganzem Herzen ehren und lieben und deinen Nächsten wie dich selbst! Dies, von allen befolgt, würde tatsächlich ein neues Miteinander hervorbringen und viele komplizierte Erklärungen überflüssig machen.

Dieselbe Antwort ist auch von Jesus bekannt. Für uns Christen verkörpert sich in ihm der neue Bund. Er hat seine irdische Aufgabe im Gehorsam gegenüber Gott erfüllt, sein Wille und der Wille des Vaters waren eins. Dass für ihn der neue Bund im Abendmahl gestiftet und erneuert wurde, ändert nichts daran, dass der Bund mit Israel ungekündigt bleibt und die Frage, wie uns Gottes Gebote und Weisungen so in Fleisch und Blut übergehen können, dass Gottes Vergebung in einem glücklichen Zustand der Gottesnähe aller Menschen zum Ziel kommen kann.

 

Vom vertrauensvollen Lebenswandel angesichts von Gott und seinen Weisungen spricht auch das Lied EG 295 „Wohl denen, die da wandeln“, eine Nachdichtung zum Psalm 119:

 

  1. Wohl denen, die da wandeln vor Gott in Heiligkeit,
    nach seinem Worte handeln und leben allezeit;
    die recht von Herzen suchen Gott und seine Zeugniss' halten,
    sind stets bei ihm in Gnad.

     

  2. Von Herzensgrund ich spreche: die sei Dank allezeit,
    weil du mich lehrst die Rechte deiner Gerechtigkeit.
    Die Gnad auch ferner mir gewähr: ich will dein Rechte halten,
    verlass mich nimmermehr.

     

  3. Mein Herz hängt treu und feste an dem, was dein Wort lehrt.
    Herr, tu bei mir das Beste, sonst ich zuschanden werd.
    Wenn du mich leitest, treuer Gott, so kann ich richtig laufen
    den Weg deiner Gebot.

     

  4. Dein Wort, Herr, nicht vergehet, es bleibet ewiglich,
    so weit der Himmel gehet, der stets beweget sich;
    dein Wahrheit bleibt zu aller Zeit gleichwie der Grund der Erden,
    durch deine Hand bereit'.