28. November 2021 – 1. Advent

Predigttext: Jeremia 23,5-8

5 Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, dass ich dem David einen gerechten Spross erwecken will. Der soll ein König sein, der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird. 6 Zu seiner Zeit soll Juda geholfen werden und Israel sicher wohnen. Und dies wird sein Name sein, mit dem man ihn nennen wird: »Der Herr ist unsere Gerechtigkeit«. 7 Darum siehe, es wird die Zeit kommen, spricht der Herr, dass man nicht mehr sagen wird: »So wahr der Herr lebt, der die Israeliten aus Ägyptenland geführt hat!«, 8 sondern: »So wahr der Herr lebt, der die Nachkommen des Hauses Israel heraufgeführt und hergebracht hat aus dem Lande des Nordens und aus allen Landen, wohin er sie verstoßen hatte.« Und sie sollen in ihrem Lande wohnen.

Liebe Gemeinde!

Was kommt auf uns zu? Noch vor ein paar Wochen noch war man sich sicher: Der Winter wird uns keine Überraschungen bescheren, Kultur und Kommerz werden sich wieder entfalten können, kein Lockdown mehr, fest versprochen. Nun ist alles wieder anders, Corona bestimmt das Geschehen, breitet sich ungebremst aus, äußerste Vorsicht ist angeraten. Da bräuchte man so einen Lichtblick, einen Propheten, der sagt. „Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr …“ Das würde Kräfte freisetzen: Jetzt noch durchhalten, Rettung ist in Sicht.

Zu Zeiten Jeremias waren die Aussichten düster. Der Staat Juda schlingerte seinem Ende entgegen, ein machtloser König löste den anderen ab, und damit endete auch die nach göttlichem Versprechen eingesetzte Königsherrschaft der Nachkommen Davids. Jeremia bedauert das nicht, im Gegenteil, er beschleunigt ihren Abgang noch mit einer Generalabrechnung: Sie hätten den Bund gebrochen, auf Gott nicht hören wollen, sie hätten es sich in ihren holzvertäfelten Palästen gemütlich gemacht und das Schicksal der Armen, Recht und Gerchtigkeit vernachlässigt und sich die falschen ndnispartner gesucht. Und wie ungehorsamen Schülern wird ihnen ihre Strafe verkündigt: ab nach Babylonien, im Exil, noch einmal ganz unten anfangen.

Erst mit unserem Predigttext lichtet sich das Dunkel. Endlich gibt es Gutes zu verkünden. Während die unmittelbare Zukunft nichts Gutes verheißt, kann er auch erkennen, was sich, noch kaum wahrnehmbar, unter der Oberfläche bereit macht. Der Stammbaum des Königs David hat noch Leben in sich, ein Sproß wird sich ans Licht wagen. Gott will Leben schaffen, Zeichen für Veränderung. Man erfährt nichts außer seinen Namen: »Der Herr ist unsere Gerechtigkeit«. Das klingt wie bittere Ironie, denn der letzte König von Juda trug genau diesen Namen: Zedikia, „Gottes Gerechtigkeit“, war als König von den Babyloniern eingesetzt, und ebenso schnell wieder abgesetzt, als er den Aufstand wagte. Gottes Sache ist es nicht, Bündnisse zu schmieden, nur das Bündnis mit ihm so gelten. Um Macht geht es ihm nicht, sondern die Menschen ohne Macht im Blick zu behalten. Von Gewalt und Waffen ist nicht die Rede, er setzt sich auf andere Weise durch: durch Güte, durch die Qualität seiner Herrschaft. Ich erinnere mich an ein Seminar für Männer. Eines der vier angesprochenen männlichen Rollenbilder war der „König“. Die Aufgabe war, eine Körperbewegung dazu zu finden. Bei den meisten, auch bei mir, war es eine Bewegung der ausgebreiteten Arme, eine Geste der Großzügigkeit, die Autorität in der Gelassenheit und inneren Größe verkörpert. Er steht über dem täglichen Klein-Klein, den Kämpfen und Sorgen, er schaut auf das Ganze. Er ist souverän, milde und gütig. Recht und Gerechtigkeit spiegeln sich nicht nur in einzelnen Entscheidungen, sondern im grundsätzlichen Ansatz: Kommen die Armen, die Benachteiligten, die Witwen und Waisen und die Flüchtlinge zu ihrem Recht? Werden sie, nicht weniger als es dem König zusteht, mit menschliche Würde und Respekt behandelt? Und was tun wir selbst dafür?

Das ist es, was an Jesus auffällt, wie er in Jerusalem einzieht: er tritt nicht auf wie ein VIP, von Sicherheitsleuten abgeschirmt, er hat seine Sicherheit in sich selbst. Er weiß um die Sorgen der Menschen, denn er ist einer von ihnen. Er zieht sich in keinen Palast zurück, sondern wandert, wohl meist zu Fuß, von Ort zu Ort. Und so kann man auch sagen, dass mit ihm Gott kommt – obwohl er doch immer schon da ist: Er hat alles herrschaftliche abgestreift; so ist er nah im Sinne von göttlicher und menschlicher Nähe, von tiefem Mitgefühl. Er bietet eine Beziehung an ohne Autoritäts- und Machtgefälle. Er ist kein Recht-Haber, sondern ein Recht-Geber, indem wir an seiner Gerechtigkeit vor Gott teilhaben dürfen, sein kommendes Reich ein Friedensreich ist.

Der Prophet spannt seine Hoffnung weit in die Zukunft aus. Seine düsteren Prophezeiungen sind nicht das letze Wort. Gott arbeitet weiter an der Befreiung der Menschen. Die wichtigste Tat war bisher die Befreiung der Israeliten aus der Knechtschaft des Pharao – so wichtig, dass es dem Gottesnamen hinzugefügt wurde. Es soll nicht die letzte Befreiung sein. Der Prophet sieht die Israeliten schon aus dem Exil wieder zurückkommen, „und sie sollen in ihrem Lande wohnen.“ Keine geringe Hoffnung, wenn man bedenkt, wie viele Menschen ohne Heimat unterwegs sind. Welche Befreiung ist es allein, wenn einem zugestanden wird: „Hier bin ich Mensch, hier kann ich sein.“ Und dieses Sein ist immer noch im Werden, so wie es auch bei Gott ist, der sich zu uns hinwendet.