Gottesdienst am 10. April 2022 – Palmsonntag - Johannes 17,1-8

Predigttext: Johannes 17,1-8

1 Solches redete Jesus und hob seine Augen auf zum Himmel und sprach: Vater, die Stunde ist gekommen: Verherrliche deinen Sohn, auf dass der Sohn dich verherrliche; 2 so wie du ihm Macht gegeben hast über alle Menschen, auf dass er ihnen alles gebe, was du ihm gegeben hast: das ewige Leben. 3 Das ist aber das ewige Leben, dass sie dich, der du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen. 4 Ich habe dich verherrlicht auf Erden und das Werk vollendet, das du mir gegeben hast, damit ich es tue. 5 Und nun, Vater, verherrliche du mich bei dir mit der Herrlichkeit, die ich bei dir hatte, ehe die Welt war. 6 Ich habe deinen Namen den Menschen offenbart, die du mir aus der Welt gegeben hast. Sie waren dein, und du hast sie mir gegeben, und sie haben dein Wort bewahrt. 7 Nun wissen sie, dass alles, was du mir gegeben hast, von dir kommt. 8 Denn die Worte, die du mir gegeben hast, habe ich ihnen gegeben, und sie haben sie angenommen und wahrhaftig erkannt, dass ich von dir ausgegangen bin, und sie glauben, dass du mich gesandt hast.


 

Liebe Gemeinde!

Jesus – das ist ein Mann mit einer Mission. Nicht einfach ein frommer Jude, ein religiös Erweckter, ein guter Mensch, ein Visionär. Dass und wie er auftritt, ist, so macht das Johnnesevangelium vom Beginn an klar, von allerhöchster Hand gewollt und gesteuert. Gegen alle Widerstände weiß er sich gesandt, nicht zum eigenen Ruhm, sondern um der Menschen willen, und zur größeren Herrlichkeit Gottes. Darum bricht auch die Erzählung der äußerlichen Geschehnisse seines Lebens immer wieder ab – die Handlung verliert sich in geheimnisvollen, verschlungenen Offenbarungsreden. So auch hier: An die Fußwaschung schließen sich drei Kapitel sog. „Abschiedsreden“ an, und dann ein Gebet, dessen ersten Teil wir gehört haben. Erst mit dem Kapitel 18 folgt wieder reales Geschehen: die Passion, der Verrat des Judas und die Verhaftung im Garten.

Davor aber ein Gebet: kein „lass diesen Kelch an mir vorübergehen“, keine Spur von Zweifel oder Angst. Und doch gibt es einen Einschnitt, ein Davor und Danach: „die Stunde ist gekommen.“ Eine Entscheidung ist getroffen, gar nicht seine eigene, sondern die göttliche, die er mit tiefem Vertrauen in der Anrede hinnimmt: „Vater!“ Es gibt kein Zurück. Die Bitte aber scheint zum Ernst der Situation nicht zu passen: „verherrliche deinen Sohn!“ Ganz unbefangen würden wir denken: Jetzt will er noch einmal Glanz und Ruhm vor seinem unrühmlichen Abgang. „Verherrlichen“, das heißt jemanden mit verklärtem Blick betrachten – sicherlich mit höchstem Respekt, sogar mit Liebe, aber doch ein Stück unrealistisch, schon abgehoben von den Tatsachen, offen für Projektionen jeder Art – ein Mensch ohne Schatten. Aber im Johannesevangelium werden solche Begriffe immer auf zweideutige Weise gebraucht, so zweideutig, wie unser Leben auch erscheint. Die Verherrlichung Jesu – sie geschieht im Leiden und im Kreuz. Die grausame Behandlung Jesu wird in den Himmel gelobt, weil sie ihn dorthin bringt. Die Logik kommt da nicht mehr mit – wohl aber der Glaube. Die Wahrheit Gottes zu erkennen auch unter dem Gegenteil dessen, was man sieht – dazu schult das Johannesevangelium den Blick.

So ist dieses Gebet ein heiliges Innehalten, ein Sich-Vergewissern, bevor das Schicksal in aller Härte zuschlägt. Der Blick richtet sich gen Himmel, bevor der Weg auf der Erde wieder weitergeht. Und ein letztes Mal tritt er ausführlich in Dialog, vergewissert er sich, um den kommenden Ereignissen standhalten zu können. Ein Mensch mit einer Mission. Wie viele gibt es, die das für sich beanspruchen. Einige versuchen, eine bessere, menschlichere, gerechtere Welt zu schaffen, Krankheiten zu bekämpfen, eine Geschäftsidee durchzusetzen, eine politische Partei stark zu machen, und andere gehen bei ihrer vermeintlichen Mission buchstäblich über Leichen. Die Mission Jesu ist aufs engste mit Gott verknüpft – der Vater gibt den Rückhalt, bestätigt sein Tun, auch wenn alles nach Scheitern aussieht. Seine Verherrlichung führt in den Erniedrigung und Entmenschlichung, und erst so wird seine göttlich-menschliche Größe deutlich: „Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns.“ Jesu Mission – ja, auch das Wort „Macht“ fällt in diesem Zusammenhang, Macht über alle Menschen – aber keine gewalttätige, ganz im Gegenteil: Es ist Macht zum „ewigen Leben“. Jesu Mission ist Leben, Fülle, Licht, sie ist, dass nichts verloren geht, was ihm der Vater anvertraut hat, sie erwächst aus der schöpferischen Liebe des Vaters. Uns so ist dieses Gebet nicht ein hilfloser letzter Versuch, wo doch alles andere schon nichts geholfen hat, sondern ein Sich-Hineinstellen in die Verheißungen Gottes, ein stolzes Zurückschauen auf das in seinem Namen schon Geschehene und das Fest-ins-Auge-Fassen dessen, was die Vollendung bedeutet: „Es ist vollbracht“ wird er am Kreuz sagen, Gottes Liebe ans Ziel gekommen.

So innig und für Außenstehende verschlossen die Zwiesprache des Sohnes mit dem Vater erscheinen mag, es geschieht nicht zum gegenseitigen Ruhm, der Verherrlichung des Vaters i8m Sohn und umgekehrt, sondern um der Menschheit willen: „damit er (der Sohn) das ewige Leben gebe allen“. Es ist Leben nicht nur in Dauer, sondern auch in Intensität, wahres Leben. Es ist Leben, nicht nur im Jenseits, sondern schon im Diesseits, wo Jesu Mission ansetzt. Wie man dahin kommt? Nur ein winziger Schritt über die eigenen Widerstände hinweg, die Skepsis, die verlorenen Illusionen, den an der bitteren Wirklichkeit gehärteten Realismus: erkennen, annehmen, glauben. Alles liegt schon bereit. Jesus Christus – dass hier der Bekenntnistitel erscheint, ist kein Zufall – macht es leicht, ihm Gott zu glauben, dass er ihn abbildet, so wie auch wir ein Abbild seiner Liebe sein sollen und seinem Weg folgen, seinen Worten Gewicht geben, das Gewicht unseres Lebens.

Bei der letzten Landessynode wurde ein junger Journalist gebeten, als distanzierter Beobachter seine Sicht der Kirche darzulegen. Er gab seinem Vortrag den bezeichnenden Titel: „Warum missioniert mich keiner?“ Ihn verwundert, dass, bei aller Sympathie im Einzelnen, die Kirche anscheinend der Kraft ihrer Botschaft nicht sonderlich vertraut. Kirche kann Zweifel zulassen, aber keinen Zweifel an ihrer Grundausrichtung. Kirche muss nicht modern sein, aber Anknüpfungen anbieten. Kirche muss nichts verkaufen, und kann deshalb sich den Suchenden öffnen und ihren Glaubensüberzeugungen das ganze Vertrauen schenken. Im Sinne des Johannesevangeliums: Weil wir der Mission Jesu vertrauen, sind wir selbst Abbild und Gestalt seiner Mission, in Liebe, in Fülle, in den Kämpfen unseres Lebens, und, ja, und im Glanz seiner Herrlichkeit.