Gottesdienst am 12. September 2021 - 15. Sonntag nach Trinitatis

Predigttext: Lukas 17,5-6

5 Und die Apostel sprachen zu dem Herrn: Stärke uns den Glauben! 6 Der Herr aber sprach: Wenn ihr Glauben hättet wie ein Senfkorn, würdet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen: Reiß dich aus und verpflanze dich ins Meer!, und er würde euch gehorsam sein.

 

Liebe Gemeinde!

Was soll der Maulbeerbaum im Meer? Ist die Antwort Jesu nicht einfach skurril, absurd? Geht er überhaupt auf das Anliegen der Apostel ein? Will er überhaupt eine Antwort geben auf eine völlig verständliche und berechtigte Frage?

Gerechtigkeit aus Glauben“ ist die zentrale Aussage Luthers, die immer wieder feierlich vorgetragen und beschworen wird. Am Glauben – allein – wie Luther hinzufügt, entscheidet sich unser Schicksal vor Gott. „Glauben“ – das bedeutet Überzeugtsein, Gewißheit, Kraft, Gelassenheit und Stärke. Man sollte annehmen, dass gerade die Apostel dies haben. Deshalb wirkt ihre Bitte an Jesus ja so menschlich, aber auch kleinlaut und verzagt: „Stärke uns den Glauben“, wie wenn sie sonst der Wirklichkeit und ihren Aufgaben nicht gewachsen wären.

Wir wissen es ja alle, dass der Glaube nichts Gleichbleibendes, Feststehendes ist, sondern im Fluss des Lebens isch verändert, genauso seine Höhen und Tiefen hat. Er ist kein Besitz, sondern Gabe, ein Geschenk des Heiligen Geistes sozusagen. Gleichzeitig arbeitet er an und mit uns. Wenn er nicht beachtet, nicht gepflegt wird, kann er verkümmern. Wenn man ihn hervorholen will, kann es sein, dass man ihn nicht findet. Ebensogut kann er auch die entscheidende Kraft sein, die das Leben prägt und durch alle Schwierigkeiten hindurch trägt.

Glaube, das ist nach Immanuel Kant das „subjektiv zureichende Fürwahrhalten“, im Gegensatz zur Erkenntnis, die objektiv wahr ist. Der Hebräerbrief drückt es so aus: „Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht auf das, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht.“ Bei der Heilung eines Kindes mit Epilepsie im Markusevangelium weist Jesus den Vater zurecht: „All Dinge sind möglich dem, der da glaubt.“ Glaube wirkt, auch wenn er gerne klein geredet oder ins lächerliche gezogen wird: „Wer’s glaubt, wird selig.“

Stärke unseren Glauben“ – das ist auch heute Thema der kirchlichen Arbeit, in der nüchternen Sprache der Wirtschaftswissenschaft die „Kernkompetenz“ von Kirche. Nur – wie entsteht, wie wächst Glauben, was kann man dafür tun?
Jeder von uns kann für sich selbst beantworten, was ihm den Weg zum Glauben geebnet, seinen Glauben gestärkt hat. War es schon die Familie, die im Glauben verankert war, gab es Vorbilder, entscheidende Begegnungen? Welche Rolle spielte die Kirche, Gottesdienste, Jugendgruppen, Kirchentage und Pilgerwege? Und kann man durch Glaubenskurse besser glauben? Beim Nachdenken wird einem gleichzeitig auch einfallen, was dem Glauben zugesetzt hat, wo und wie man gerungen hat: „Ich glaube, hilf meinem Unglauben“ Am Ende glaubt man vielleicht nicht mehr so leicht, aber tiefer, weil er durch die Erfahrungen eines Lebens hindurchgegangen ist. Und Glaube kann auch heilsam sein: „Dein Glaube hat dir geholfen“ heißt es in vielen der Wundergeschichten Jesu.

Glaube hat also durchaus die Kraft, Leben zu durchdringen und zu verändern. Er ist nicht Beruhigungspille, sondern Antrieb und Ansporn, ein Unruhestifter im Leben. Vielleicht will Jesus mit seinem überspitzten Bildwort vom Maulbeerbaum dorthin unser Augenmerk lenken. Der Maulbeerbaum galt als die Pflanze, die die tiefsten, so gut wie unzerstörbaren Wurzeln hatte. Wer in seinem Garten schon einmal einen Wurzelstock entfernen musste, weiß, was gemeint ist. Und nun soll der Glaube bewirken, dass dieser Baum sich ins Meer – oder in den See von Genezareth – verpflanzt? Gibt es nicht sinnvollere Anwendungen für die Glaubenskraft? Aber vielleicht traf dies doch genau die Situation der Apostel. Es fällt ja auf, dass sie hier nicht „Jünger“, d.h. Jesusschüler oder Nachfolgende genannt werden. Apostel sind die „Gesandten“, die von Jesus und vom Glauben her überzeugt ihren Weg in die Fremde gehen, sich von der Heimat und ihrer jüdischen Tradition entfernen. Vielleicht erlebten sie sich als entwurzelt, dadurch verunsichert und plötzlich mutlos, kleingläubig, wie es im Matthäusevangelium öfters heißt. Wenn der Maulbeerbaum am neuen Standort überleben kann, dann sollte dies erst recht für die Apostel möglich sein – zuversichtlich und gespannt sollen sie sich auf die kommenden Herausforderungen einlassen. Im Gepäck haben sie nicht den kompletten, fertigen Glauben, sondern nur die Samen. Samentüten sind Wundertüten: Manchmal sind die Samen so fein, dass sie in der Samentüte in einer Extraverpackung stecken und sie schon bei Aufreißen leicht durch die Finger rieseln. Man darf sie nicht unterschätzen: in jedem dieser winzigen Samen steckt der Bauplan für die Pflanze, und sie wird von alleine ihre Größe, Form und Schönheit erreichen. Dass Jesus die Frage seiner Apostel so ins Absurde führt, heißt für mich, nicht erst auf die optimalen Bedingungen zu warten, sondern schon mit dem Gegebenen, mit den Anfängen zufrieden zu sein und eben das zu tun, wofür Anfänge gut sind: nämlich anfangen, und vertrauen, dass der Rest auch noch gut wird.