Gottesdienst am 14. November 2021 – Vorletzter Sonntag des Kirchenjahres

Predigttext: 2. Korinther 5,1-10 (Einheitsübersetzung 2016)

1 Wir wissen: Wenn unser irdisches Zelt abgebrochen wird, dann haben wir eine Wohnung von Gott, ein nicht von Menschenhand errichtetes ewiges Haus im Himmel. 2 Im gegenwärtigen Zustand seufzen wir und sehnen uns danach, mit dem himmlischen Haus überkleidet zu werden.
3 So bekleidet, werden wir nicht nackt erscheinen. 4 Solange wir nämlich in diesem Zelt leben, seufzen wir unter schwerem Druck, weil wir nicht entkleidet, sondern überkleidet werden möchten, damit so das Sterbliche vom Leben verschlungen werde. 5 Gott aber, der uns gerade dazu fähig gemacht hat, er hat uns auch als ersten Anteil den Geist gegeben.
6 Wir sind also immer zuversichtlich, auch wenn wir wissen, dass wir fern vom Herrn in der Fremde leben, solange wir in diesem Leib zu Hause sind; 7 denn als Glaubende gehen wir unseren Weg, nicht als Schauende. 8 Weil wir aber zuversichtlich sind, ziehen wir es vor, aus dem Leib auszuwandern und daheim beim Herrn zu sein. 9 Deswegen suchen wir unsere Ehre darin, ihm zu gefallen, ob wir daheim oder in der Fremde sind. 10 Denn wir alle müssen vor dem Richterstuhl Christi offenbar werden, damit jeder seinen Lohn empfängt für das Gute oder Böse, das er im irdischen Leben getan hat.


Liebe Gemeinde!
„Na, altes Haus, wie geht’s“ - so begrüßen wir uns manchmal scherzhaft. Das alte Haus trägt die Spuren unseres Lebens, es hat Schrammen und Macken, hier und da klemmt oder quietscht etwas. Es ist vielleicht schon ein wenig abgewohnt, manche Baustellen zeichnen sich ab, aber insgesamt ist es doch noch brauchbar. Nur: auf ewig werden wir dort nicht bleiben können. Es ist wie das Leben in einem Abbruchhaus. Irgendwann ist es am Ende, muss Platz machen für etwas Neues. Zwischen Wehmut und Hoffnung ist unser Predigttext angesiedelt. Vom Seufzen und Sehnen ist die Rede, und das kennen wir gut. Nur zeigen wir es meistens nicht. Gefragt, wie es geht, antworten wir meistens „gut“, und es gibt keine lästigen Nachfragen. Was uns Sorgen macht, kommt dann nicht an die Oberfläche, es arbeitet in der Tiefe weiter. Paulus deutet es an: unbehaust, entblößt, nackt und auf sich selbst zurückgeworfen zu sein, davor graust es ihm. Er weiß auch Abhilfe, schließlich ist er Zeltmacher von Beruf. Nur ist ein Zelt kein Zuhause, wenn auch schon die Bundeslade in einem Zelt mit den Israeliten unterwegs war. Und beim Laubhüttenfest versetzen sich die Juden einmal im Jahr in die Zeit der Wüstenwanderung, verlassen die schützenden Häuser und leben sieben Tage im Herbst unter freiem Himmel. Doch die aktuellen Fernsehbilder zerreißen einem das Herz: Flüchtlinge irgendwo im Wald auf der nackten Erde, im Niemandsland zwischen den Grenzzäunen, ohne Aussicht, bald Schutz und ein Dach über dem Kopf zu finden. Das ist doch kein Leben, denken wir zurecht. Man muss doch einmal irgendwo ankommen, ein Zuhause finden, eine Bleibe, das steht doch jedem Menschen zu, auch den LKW-Fahrern, die wochenlang quer durch Europa touren, den Wanderarbeitern, die in den Gemüseplantagen und auf den Baustellen arbeite, den Flüchtlingen, die zwischen Hoffnung und Verzweiflung unterwegs sind. Allen diesen Menschen, ja uns allen öffnet Paulus eine neue Dimension: er stellt sich vor, dass die neue Behausung von Gott kommt, im Himmel schon für uns vorhanden, nicht von menschlichen Händen gemacht und darum ewig. Wir werden damit – und hier mischt Paulus die Bilder – „überkleidet“. Der morbide Charme des Verfalls verschwindet unter leuchtenden Farben und Stoffen – das ist das Leben in Hülle und Fülle: „damit so das Sterbliche vom Leben verschlugen werde.“ Das scheinen erst einmal verschlungene Gedankenwege, die aber ein Ziel haben: durch den Glauben schon dem auferstandenen Christus nahe zu sein. Der Geist fliegt schon voran – der die Christengemeinde freimachende, belebende Geist, der das Hier und Jetzt mit dem Dann und Dort.
Die körperliche Existenz gilt Paulus als „fern vom Herrn“, ein Hindernis für die freie Bewegung des Geistes auf Gott zu. Das ist verständlich, wenn man bedenkt, wie sich das Verhältnis zum Körper gewandelt hat. „mens sana in corpore sano“ – das war nur den wenigsten vergönnt. Körperliche Beschwerden werden die Regel gewesen sein, an einer einfachen Entzündung konnte man sterben, die Körperfunktionen waren noch gar nicht erforscht. Es war nicht Körperfeindlichkeit, sondern Erlösungs- und Himmelssehnsucht, was die Christen antrieb. Der Körper war die Schwachstelle, und Paulus hatte nicht nur die körperlichen Strapazen der Reisen, sondern auch tätliche Angriffe und Verfolgungen erduldet. Wer will es ihm verdenken, dass ihn manchmal der Gedanke verlockend erschien: „Was, wenn jetzt einmal alles vorbei wäre?“ Es wäre der Weg zu Gott, in ein „Dahoam“ auf ewig und ohne Angst. „Und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerda“ - so beschreibt es der 23. Psalm.

Immerhin – Paulus reißt sich selbst aus seinen Tagträumen und kommt zurück auf den Boden der Tatsachen. Worauf kommt es an im Leben? Der Jude, der Christ Paulus kommen zum gleichen Ergebnis: Seufzen und Sehnen hilft nichts. Gott zu gefallen, Christus zu gefallen, das ist in jeder Lebenslage das Gebot der Stunde. Und dann gilt – ganz im Geist alttestamentlicher Weisheit – der Zusammenhang von Tun und Ergehen: Auf die Taten folgt der Lohn, mit einem „Vergelt’s Gott“ sind alle Ungerechtigkeiten ausgeglichen. Das ist nun nicht mehr neu und aufregend, es dient dem inneren Frieden und der Glaubensgewissheit, dass Gott seine Gerechtigkeit schenkt und ausübt. Interessanter wäre dann aber, wie es dann weitergehen könnte, wie man denn „überkleidet“, in der von ihm geschaffenen Behausung, lebt und ihn schaut. Aber das bleibt leider ein Geheimnis, vielleicht auch, weil selbst Paulus keine Worte dafür hatte.