Gottesdienst am 19. September 2021 - 16. Sonntag nach Trinitatis

Predigttext: Klagelieder 3,22-26.31-32

22 Die Güte des HERRN ist’s, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, 23 sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß. 24 Der HERR ist mein Teil, spricht meine Seele; darum will ich auf ihn hoffen. 25 Denn der HERR ist freundlich dem, der auf ihn harrt, und dem Menschen, der nach ihm fragt. 26 Es ist ein köstlich Ding, geduldig sein und auf die Hilfe des HERRN hoffen. 
31 Denn der HERR verstößt nicht ewig; 32 sondern er betrübt wohl und erbarmt sich wieder nach seiner großen Güte. 

Liebe Gemeinde!

Was ist Ihnen gerade noch gegenwärtig von diesem biblischen Abschnitt? Der Schauder und die Erleichterung, dass es mit uns noch nicht "gar aus" ist? Dabei hätte es leicht schon einmal so weit kommen können: eine Krankheit, eine Situation im Straßenverkehr, eine Reihe von mutlosen Tagen... Wir sind noch einmal davongekommen. Ist das schon Grund genug, Gott zu loben? Oder haben wir nicht besseres verdient, ein Leben in Wohlstand und Sicherheit, wie heute die meisten bei uns? Die Verfasser der Klagelieder hatten weiß Gott allen Grund, Gott Leid und Enttäuschung vorzuhalten. Ihr Glaube hatte sie nicht vor der Katastrophe bewahrt, dass Jerusalem von den Babyloniern erobert, die Mauern und der Tempel zerstört und die Oberschicht ins Exil gebracht wurde. Mag sein, dass man an den Ruinen des Tempels Klagefeiern abhielt, und dabei Gedichte vortrug, wie wir sie im alttestamentlichen Buch der Klagelieder finden. 
Klagen ist in der Öffentlichkeit nicht gut angesehen. Man verliert schnell die Geduld, man will sich nicht herunterziehen lassen. Vor allem, wenn es sich wiederholt, will man dem andern ins Wort fallen: "Das musst du mal positiv sehen." Dabei gibt weiß Gott genügend berechtigte Klagen, Enttäuschungen, vergebliche Mühe, ungelebtes Leben. Wie wäre es, sie einfach einmal zuzulassen, nicht dagegen- oder kleinzureden? Im Krankenhaus kommt es manchmal zu solchen Gesprächen. Eine halbe Stunde, eine Stunde kann damit vergehen, dass nur geklagt wird. Irgendwann kann aber der Punkt kommen, wo Stille einkehrt, wo alles ausgesprochen ist, wo die gewohnten Gedankenbahnen verlassen werden, wo Raum für Neues entsteht, wo so etwas wie Hoffnung aufkeimt. 
Genau an solch einem kostbaren Punkt scheint der Dichter des 3. Kapitels angekommen zu sein. Vorsichtig tastend erprobt er, welche Sätze sich für seine Gotteserfahrung eignen könnten. Er nimmt sie aus der Überlieferung, in der Form des Klagepsalms des Einzelnen. "Ich bin der Mann, der Elend sehen muss durch die Rute des Grimms Gottes", so beginnt das Kapitel. Die Worte sind sorgsam gewählt und angeordnet, jeweils drei Verse beginnen mit dem als nächsten folgenden Buchstaben des Alphabets. Hier wird, gegen den ersten Eindruck, nicht einfach dem Herzen freien Lauf gelassen, sondern die Klage höchst bewusst dichterisch gestaltet. Wo dies geschieht, ist es fast schon ein Sieg des Geistes über die trostlose Situation. Sie kennen die Gedichte Dietrich Bonhoeffers, die er im Gefängnis schrieb, vielleicht auch die "Moabiter Sonette" von Albrecht Haushofer, ebenfalls in NS-Haft entstanden. Ein sowjetischer Gefangener, der in den 1908er Jahren von Amnesty International betreut wurde, schickte aus dem Straflager, versteckt in einer Ladung Holz, ein Bündel Gedichte mit der Bemerkung "Das ist alles, was ich habe." Sie wurden übersetzt, und er erhielt mehrere Literaturpreise, ohne je ein Buch veröffentlicht zu haben.
Die Sätze über Gott, die unserem Predigttext eine vertrauensvolle Wende geben, sind nicht systematisch miteinander verbunden. Es wirkt eher so, als ob immer wieder ein neuer Anlauf genommen wird, so wie bei uns auch. "Seine Barmherzigkeit ist alle Morgen neu", jeder neue Tag birgt die Möglichkeit, Gott und seiner Treue begegnen, ohne die Schatten von gestern. Und dann werden mehrere Möglichkeiten erwogen, Gottes Ermutigung für sich festzuhalten: Die Erinnerung an seine Eigenschaften, Barmherzigkeit und Treue: Nur wenn man darauf achtet, kann man sie auch erfahren. Dazu kommt die innere Zwiesprache, die aufsteigenden Erinnerungen und Hoffnungssätze, die die Seele schon kennt: Der HERR ist mein Teil, darum will ich auf dich hoffen. Wo die äußere Bestätigung wegfällt, kann die innere Stimme Halt und Sicherheit geben. Und dann als Drittes die machtvollen, aber sanften Mittel, etwas zu erreichen: Freundlichkeit, Geduld, Beharrlichkeit, die Gott nutzt, uns nahezukommen. Es sind dieselben, die auch uns Menschen immer wieder weiterbringen. Sie führen aus der Klage heraus, in die Dankbarkeit, in die Güte, die Barmherzigkeit mit sich und anderen, die die Betrübnis annimmt, ernstnimmt und gleichzeitig überwindet.