Gottesdienst am 27. Februar 2022 - Sonntag vor der Passionszeit (Estomihi)

Evangelium, zugleich Predigttext: Markus 8,31-38

31 Und er fing an, sie zu lehren: Der Menschensohn muss viel leiden und verworfen werden von den Ältesten und den Hohenpriestern und den Schriftgelehrten und getötet werden und nach drei Tagen auferstehen.

32 Und er redete das Wort frei und offen. Und Petrus nahm ihn beiseite und fing an, ihm zu wehren. 33 Er aber wandte sich um, sah seine Jünger an und bedrohte Petrus und sprach: Geh hinter mich, du Satan! Denn du meinst nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist.

34 Und er rief zu sich das Volk samt seinen Jüngern und sprach zu ihnen: Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. 35 Denn wer sein Leben behalten will, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird’s behalten.

36 Denn was hilft es dem Menschen, die ganze Welt zu gewinnen und Schaden zu nehmen an seiner Seele? 37 Denn was kann der Mensch geben, womit er seine Seele auslöse?

38 Wer sich aber meiner und meiner Worte schämt unter diesem ehebrecherischen und sündigen Geschlecht, dessen wird sich auch der Menschensohn schämen, wenn er kommen wird in der Herrlichkeit seines Vaters mit den heiligen Engeln.

 

Liebe Gemeinde!

Wie ein dunkler Schatten, wie eine Schockwelle werden diese Sätze die Jüngerinnen und Jünger getroffen haben. Zwei Wunder waren zuvor geschehen, die Speisung der 4000 und die Heilung eines Blinden, und Petrus hatte sein Bekenntnis öffentlich gemacht: „Du bist der Christus, der Messias Gottes“. Alles schien auf bestem Weg, das Reich Gottes nicht mehr fern. Die Pharisäer, die Jesu Wirken kritisch betrachteten, hatten sie hinter sich gelassen, sie waren nach Norden, über das eigentliche Gebiet Israels ausgewichen.

Schock und Sprachlosigkeit werden, wie bei mir, auch Ihre Reaktion gewesen sein, zu erfahren, dass seit vier Tagen in der Ukraine Krieg herrscht. Unmittelbar werden wir mit dem Leiden der Menschen konfrontiert, die sich mühsam ins Ausland retten, die verzweifelt Widerstand leisten, die erleben, dass zerstört wird, was sie sich über Jahrzehnte aufgebaut haben. Als Christen fragen wir uns: Wo ist Gott? Wie kann Macht so maßlos missbraucht werden? Wer kann Einhalt gebieten und wie?

Jesu Worte – nicht beiläufig oder ängstlich gesagt, sondern in vollem Bewußsein: er „lehrt“ sie. Die Worte werden mit den folgenden Taten übereinstimmen. Sie sind wahr, weil sie wahr werden. Um so verständlicher ist die Reaktion des Petrus: „Das kann doch nicht wahr sein!“ Mit aller seiner Kraft und Überzeugung widerspricht er Jesus. Er widerspricht auch dem göttlichen „Muss“, das voransteht. Gibt es eine innere Zwangsläufigkeit der Ereignisse, kann man nicht mit Geschick und Entschlossenheit den Lauf der Dinge noch zum Guten wenden? Oder gibt es, wie ich es in privaten Beziehungen auch schon erlebt habe, manchmal einen Punkt, an dem das Verhängnis nicht mehr abzuwenden ist, wo die destruktiven Kräfte die Oberhand gewinnen?

Jesus jedenfalls greift zum denkbar größtmöglichen Gegenargument: Petrus in der Rolle des Satan, des Versuchers, gegen den er sich in der Wüste schon zu erwehren hatte. Es ist, wie wenn die Rollen vertauscht sind: Während Petrus nur das Gute für Jesus will, und für sich natürlich auch, hält Jesus mit aller Überzeugung an den düsteren Prognosen fest. Es ist auch umgekehrt wie bei Hiob: während dort der Satan im himmlischen Thronrat dem Hiob alle erdenklichen Leiden erdulden lassen will, um seinen Glauben herauszufordern, ist es hier Gott selbst, der seinen Sohn dem Leiden aussetzen wird, und jeder Einspruch wird als vom Satan kommend zurückgewiesen. Ja, noch mehr: Die Nachfolgerinnen und Nachfolger werden mit in diese unvermeidliche Leidensgeschichte verwickelt, tragen selbst mit am Kreuz, indem sie ihr Kreuz tragen. Das macht, nach unserem heutigen Verständnis, wenig Sinn. Schließlich versucht man seit Jahrhunderten, und mit teilweise überwältigendem Erfolg, die Härten des menschlichen Daseins auszuräumen. Gegen Krankheiten und Unfreiheit, gegen die Gefährdungen des Lebens, gegen die Unvernunft – eigentlich sollten und könnten wir schon weiter sein, und doch, die Richtung schien unumkehrbar. Die Errungenschaften aus Forschung und Wissenschaft, Wohlstand und Demokratie schaffen für viele ein angenehmes Lebensumfeld. Und plötzlich bricht, wie aus heiterem Himmel, die Frage nach Leid, Schuld und Tod wieder auf. Jesus weist darauf hin, dass es mit Kosten verbunden ist, wenn man immer nur auf der angenehmen Seite des Lebens unterwegs ist: Man kann sich selbst verlieren. Man vergisst die Dankbarkeit, man verliert den Maßstab, was ein wirkliches Leiden oder Problem ist. Man verliert das Bewusstsein, dass man sein Leben nicht nur dem eigenen Vorteil widmen kann, sondern Hingabe, Leidenschaft, Dasein für andere „Sinn macht“. Das ist es auch, was Jesus verkörpert: wie es Dietrich Bonhoeffer ausdrückt, ist Jesus Christus der „Mensch für andere“, der auf seinem Weg mit Gott alle Sicherheiten hinter sich lässt, allein mit der Gewissheit, Gott an seiner Seite zu haben. Wir erschrecken, zucken zurück, schämen uns womöglich für unseren Glauben und halten uns zurück, bleiben Zuschauer am Rand des Geschehens. All das ist menschlich. Was uns mit Jesus verbinden kann, ist, sein Kreuz zu tragen. Nicht das Kreuz der ganzen Welt, das würde uns zu sehr niederdrücken, sondern was uns erträglich ist, als Last noch zu schultern. Und so kann sich die Last auf viele Schultern verteilen, den Belasteten Erleichterung bringen.

Jesu Weg ans Kreuz lässt sich, wie so vieles im Leben, nicht verstehen. Unschuldig ist er in die Mühlen der Politik geraten, dem zynischen Urteil des Pilatus ausgeliefert, der einzig am Machterhalt, nicht aber an Wahrheit und Gerechtigkeit interessiert war. Schlimm, dass es heute so viele ein ähnliches Schicksal erleiden, und wir als einzelne kaum etwas daran ändern können.

In den Worten Jesu steckt allerdings auch ein großes Stück Hoffnung: Sein Weg beginnt mit Leiden und Verworfensein, geht hinein den Tod, um nach drei Tagen zur Auferstehung zu gelangen. Gott wird ihn neu ins Leben bringen, in sein Recht setzen. Eine verwegene Erwartung, die die Christen immer wieder ermutigt hat. Wer mit Christus im Kreuz verbunden ist, wer zu seinen Leidttragenden gehört, wird diese Verbindung auch später nicht verlieren. Es ist darin die ungestüme, unwahrscheinliche Hoffnung verborgen, die Christinnen und Christen immer motiviert hat, dem Tod nicht das Feld zu überlassen, und sich mit aller Kraft dem Leben zuzuwenden.