Gottesdienst am 31. Oktober 2021 – Reformationstag

Predigttext: Galater 5,1-6

1 Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen! 2 Siehe, ich, Paulus, sage euch: Wenn ihr euch beschneiden lasst, so wird euch Christus nichts nützen. 3 Ich bezeuge abermals einem jeden, der sich beschneiden lässt, dass er das ganze Gesetz zu tun schuldig ist. 4 Ihr habt Christus verloren, die ihr durch das Gesetz gerecht werden wollt, aus der Gnade seid ihr herausgefallen. 5 Denn wir warten im Geist durch den Glauben auf die Gerechtigkeit, auf die wir hoffen. 6 Denn in Christus Jesus gilt weder Beschneidung noch Unbeschnittensein etwas, sondern der Glaube, der durch die Liebe tätig ist.

 

Liebe Gemeinde!

Der Ruf in die Freiheit ist unüberhörbar. Freiheit ist ein unverzichtbarer Baustein unseres Menschseins: Handlungsfreiheit, Meinungsfreiheit, Selbstbestimmung: Ich bin frei, ich kann machen, was ich will… Es ist eine tiefe Sehnsucht, gerade weil es vollkommene Freiheit nicht gibt, nicht einmal über den Wolken. Ständig stößt man auf Beschränkungen, Regeln und Rücksichten, manches einsehbar, anderes nicht. Oft wird uns bedeutet: Nimm dir nicht zu viel heraus, denk auch an die anderen, die wollen sich genauso entfalten wie du selbst. Wo die Grenze ist, stellt sich erst im Einzelfall, im Konflikt heraus. Diese Grenze heißt: Respekt.

Es gibt aber auch starre Grenzen, die einem unerbittlich klar machen: Das geht überhaupt nicht, das ist so festgelegt. In den letzten Monaten sind viele auf solche Grenzen gestoßen, haben sich aufgeregt und aufgerieben an ständig wechselnden Corona-Bestimmungen, die Lebensstil und Lebensunterhalt bedrohten. Wo bleibt meine Freiheit? So wenig man diese Frage beantworten kann - schnell waren für manche die Schuldigen, der Staat, das „System“ gefunden. Ein Ausweg wäre: Einsicht in die Notwendigkeit: Auch wenn einzelne Bestimmungen nicht immer logisch erscheinen, ist doch hoffentlich die gute Absicht dahinter zu erkennen, Schutz der Allgemeinheit vor gesundheitlichem Schaden bis hin zum Tod.

Freiheit – ähnlich wie wir heute hat sich Paulus, selbst Jude, am jüdischen Gesetz aufgerieben, hat seine Bedeutung und Verbindlichkeit in Frage gestellt. Wozu das Befolgen einer Vielzahl von Geboten, dieses Ständig-auf-der-Hut-sein, wozu solche Riten wie die Beschneidung? Die Fragen wurden von außen an die Gemeinde herangetragen. Es waren wohl judenchristliche Missionare in Galatien eingetroffen, die verlangten, dass man zuerst Jude, dann Christ werden müsse. Also erst Beschneidung und Gesetzesgehorsam, um dann Jesus, den Messias, zum Glauben hinzuzunehmen. Paulus sieht sich gezwungen, energisch und grundsätzlich zu widersprechen. Von Christus her wird das Glauben und das Handeln neu bestimmt: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit.“ Das jüdische Gesetz, die Tora, tritt für die aus dem Heidentum gekommenen Gemeindeglieder in den Hintergrund – es zählt allein der Glaube, der in der Liebe tätig ist.

Das heißt nun: Man wird Christ, ohne den beschwerlichen Weg über das Judentum gehen zu müssen. Das Gesetz – Gottes gute Gabe, durch Moses auf dem Sinai gegeben – tritt in die zweite Reihe. Das fühlt sich ganz nach Freiheit an, bedeutet aber gerade nicht Regellosigkeit. Christen warten auf den Geist, auf seine Früchte: Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut, Keuschheit, „gegen all dies ist das Gesetz nicht.“ Der Glaube weist also einen Weg, der auch mit dem Gesetz zu erreichen wäre, der zu dem selben Ergebnis kommt. Das einzige, was bleibt vom Gesetz, ist: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“. Genial vereinfacht, zusammengefasst, einprägsam und dahinter die gute Absicht Gottes spürbar. Das ist es, was Gottes Handeln von den starren, unerbittlichen Gesetzen unterscheidet: Er kann entgegenkommen, nachgeben, Gnade vor Recht walten lassen, er tut es in Jesus Christus.

Und so gehören im Glauben Freiheit und Christus zusammen. Nicht nur in der Befreiung vom Todesschicksal, sondern auch im bedingungslosen Freisetzen der Liebe als dem einzigen Maßstab. Liebe öffnet, Angst und Gehorsam engen ein. Und dies war wohl die existentielle Erfahrung Luthers, seine reformatorische Entdeckung: Wenn ich alle die kirchlichen, die menschengemachten Gebote, die mich einengen, wegnehme, stoße ich auf die Liebe Gottes, auf sein gnädiges Erbarmen. Es fehlt dann nicht der Halt, sondern gerade dadurch gewinne ich ihn. Wie bei Paulus wurde hinter dem Machtgefüge religiöser Vorschriften Gottes Hinwendung zu den Menschen deutlich, sein Vertrauensvorschuss für uns. In dem knappen theologischen Kürzel „Rechtfertigung“ – eigentlich wörtlich „Gerechtmachung“ - erklärt er, was vor allem unserem Tun steht: „Für die Rechtfertigung ist nämlich die Gnade notwendig, für die Werke und vor allen Werken“, trägt er in seiner Vorlesung zum Galaterbrief vor, ein halbes Jahr vor den 95 Thesen, die ihn mit einem Schlag berühmt machten und in den Konflikt mit seiner Kirche trieben. Die gedanklichen Grundlagen waren gelegt, um diese Auseinandersetzung bestehen zu können. Ebenso war Paulus sicher, sich nicht in die kleinliche Auslegung der Gesetzesbestimmungen verlieren zu müssen, wenn doch Christus im Mittelpunkt steht. Und eben dadurch können wir mit geschärften Sinnen all die Freiheitsbewegungen betrachten, die aus innerster Überzeugung aufbrechen und protestieren: Protest heißt ja: Zeugnis ablegen. Manche legen Zeugnis ab für die Würde des Menschen, gehen auf die Straße gegen autoritäre Regierungen und Gewaltherrscher. Andere stören sich an äußeren Einschränkungen ihrer Freiheit, ohne nach dem Sinn zu fragen. Hier ist zu unterscheiden: Ist, wo Freiheit gefordert wird, auch die Freiheit der anderen, der Mitmenschen, mitgedacht? Oder geht es nur um Freiheit für das eigene, so groß gedachte Ego? Ist es im Rahmen dieser Freiheit möglich, dass in ihr Liebe wirksam wird, Hingabe womöglich? Dann ist man auf dem Weg, den Christus gewiesen hat: Freiheit ist nicht nur ein Wort, und Liebe auch nicht: in Christus begegnen sich sich, verknüpfen sich unentwirrbar, machen sich gegenseitig stark und vollenden, was wir als Menschen sein und geben können.