Gottesdienst am 31.12.2021 - Jahresschluss (Mt 13,24-20)

Evangelium, zugleich Predigttext: Matthäus 13,24-30

24 Er legte ihnen ein anderes Gleichnis vor und sprach: Das Himmelreich gleicht einem Menschen, der guten Samen auf seinen Acker säte. 25 Als aber die Leute schliefen, kam sein Feind und säte Unkraut zwischen den Weizen und ging davon. 26 Als nun die Halme wuchsen und Frucht brachten, da fand sich auch das Unkraut. 27 Da traten die Knechte des Hausherrn hinzu und sprachen zu ihm: Herr, hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät? Woher hat er denn das Unkraut? 28 Er sprach zu ihnen: Das hat ein Feind getan. Da sprachen die Knechte: Willst du also, dass wir hingehen und es ausjäten? 29 Er sprach: Nein, auf dass ihr nicht zugleich den Weizen mit ausrauft, wenn ihr das Unkraut ausjätet. 30 Lasst beides miteinander wachsen bis zur Ernte; und um die Erntezeit will ich zu den Schnittern sagen: Sammelt zuerst das Unkraut und bindet es in Bündel, damit man es verbrenne; aber den Weizen sammelt in meine Scheune.

 

Liebe Gemeinde,

der Schluss eines Jahres ist immer auch Gelegenheit, zurückzublicken: Was ist gut gelungen, und was ließ zu wünschen übrig? Wie sieht die Bilanz dieses Jahres aus, positiv oder eher durchwachsen?

Der Anfang des Gleichnisses ist durch und durch optimistisch, so wie es unsere Jahresanfänge meist auch sind. Es beginnt etwas zu Neues, Ideen können wachsen und reifen im Verlauf eines ganzen Jahres. Der Acker wartet, den guten Samen aufzunehmen, fast wie ein Akt der Schöpfung, bei dem am Ende das „und siehe, es war sehr gut“ stehen soll. Doch schon in der folgenden Nacht fällt ein Schatten auf diesen guten Anfang. Warum erzählt das Matthäusevangelium nicht so weiter wie der Evangelist Markus (Mk 4,26ff)? Der Bauer kann sich darauf verlassen, dass – nach einiger Wartezeit – die Erde von selbst die gute, reichhaltige Ernte hervorbringt. Nein, ein Feind sät hier Unkrautsamen zwischen die guten Saatkörner. Warum nur? Ein dummer Streich, der Versuch, jemanden zu ärgern, ein Racheakt, Sabotage, ein Anschlag? Jedenfalls ist mit dem zweiten Satz des Gleichnisses das Vertrauen schon zerstört. Die Gedanken sind abgelenkt, vom erwarteten Wachstum zu möglichen Motiven der Feindschaft. In der Regel leben wir doch ganz gut damit, von anderen Menschen zunächst das Gute zu erwarten. Ich hatte zum Beispiel einmal meine Geldbörse verloren, mitten auf der Straße in Gerolzhofen.. Ein aufmerksamer Autofahrer hatte sie aufgehoben und zur Polizei gebracht, und diese fuhr dann mit dem Polizeiauto bei mir vor, um sie zurückzubringen – und ich hatte den Verlust noch nicht einmal bemerkt. Aber dann gibt es doch auch die seltsamen Erfahrungen: Da wird beim Volkstrauertag eine der schon bereitstehenden Feuerschalen gestohlen, da wird das Apfelbäumchen aus dem Bibelgarten herausgerissen und die Erde breit verteilt, – alles nur Kleinigkeiten, aber es sät Verunsicherung und Misstrauen. Und dies gilt auch im Großen: Anschläge auf friedliche Menschen, Drohungen, Desinformation und Lügen zerstören das vertraute Zusammenleben. Schon Opfer eines Einbruchs oder Betrugs zu werden macht die gefühlte Sicherheit des Lebens zunichte.

Lange bleibt unbemerkt, dass auf dem Acker etwas nicht stimmt. Denn der Weizen hat sozusagen einen Doppelgänger, zum Verwechseln ähnlich, der erst zu erkennen ist, wenn die Ähre erscheint. Er heißt Taumellolch und hat im Volkmund fast ein Dutzend Namen, die die Täuschung und die schädliche Wirkung beschreiben: Schwindelweizen, Tollgerste, Tollkorn, Taubkraut, Schlafweizen, Rauschgras, Kribbelraotch, Haferschwindel, Hennentöter, Teufelskraut. Dieses Süßgras kann – und das geschieht meistens – von einem Pilz befallen sein, dessen Stoffwechselprodukte, ähnlich wie beim Mutterkorn, das Nervensystem angreifen und Vergiftungen auslösen. Darum müssen alle Pflanzenteile unbedingt aus dem Erntegut entfernt werden.

Was also tun? Die Knechte, die erregt dem Besitzer des Feldes ihre Entdeckung mitteilen, wollen eine Entscheidung. Wie soll mit dem Acker weiter umgegangen werden? Der Hausherr ist nicht überrascht, er scheint sogar die Hintergründe zu kennen, aber seine Antwort zu konkreten Maßnahmen ist ein ebenso überraschendes wie striktes „Nein“.

So wie die Knechte stehen wir manchmal auch vor dem wild durcheinander wachsenden Acker unseres Lebens. Manches ist gut gediehen, vielleicht bald erntereif, manches bleibt kümmerlich, anderes ist gar nicht aufgegangen. Und dann sind da noch die Dinge, wo man sagen muss: „Das habe ich aber nicht bestellt“. Alles in allem ein riesiges Durcheinander, Kraut und Rüben. Der Impuls ist richtig: „Da muss man doch etwas machen, so kann das nicht bleiben. Da muss doch einmal jemand Ordnung schaffen!“ Manchmal sind die Rufe umso lauter, je hilfloser man einer Entwicklung gegenübersteht.

Bei genauem Hinsehen bleiben meist nicht allzuviele Handlungsmöglichkeiten übrig. Und dieses genaue Hinsehen macht die Größe des Hausherrn aus. Er erkennt, dass Aktionismus hier mehr Schaden als Nutzen anrichtet. Alle Pflanzen teilen sich denselben Boden, die Wurzeln sind eng ineinander verflochten. Das Ausreißen des Einen wäre auch der Untergang des Anderen. So sind wir Menschen auch auf dieser Erde in Abhängigkeiten verflochten, auf Gedeih und Verderb aufeinander angewiesen. Gut und Böse, Freund und Feind sind nicht immer klar auszumachen, man kann und muss Grenzen setzen, aber verschwinden wird das Böse nie. Und erst vom Ende her wird oft klar, was gut oder nur gut gemeint war. Vieles, was mit guten Absichten begann, hatte unvorhergesehene, böse Folgen, und manchmal gibt es auch das unverhoffte Happy End, wie in der Josefsgeschichte: „Ihr gedachtet es böse zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen“.

In Notlagen ist es sicher richtig, sofort und beherzt zu reagieren. Manchmal aber ist gelassenes, aufmerksames Abwarten eine kluge Entscheidung, wie es der Besitzer des Ackers uns vormacht. Der optimistische Grundton im Gleichnis bleibt bis zum Ende. Die Ernte ist nicht in Gefahr, die Halme bekommen ihre Zeit bis zur Reife, und sogar das Unkraut hat noch seinen Sinn: es kann, getrocknet und gebündelt, als Brennmaterial verwendet werden, die problematischen Samen werden im wärmenden Feuer vergehen.

Ist das ein versöhnlicher Schluss? Etwas verwirrend ist, dass zwei ganz gegensätzliche Formen der Bewältigung des Nebeneinanders von Weizen und Unkraut sich so unmittelbar treffen. Die eine, mir sympathisch, aber auch möglicherweise fahrlässig: Lassen wir es wachsen, es ist immer noch Zeit. Und dann die krasse Trennung bei der Ernte: Das bleibt, das kann weg. Ist das ein Bild für die Geduld Gottes, der immer noch „seine Sonne aufgehen lässt über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. Aber das gilt nicht auf ewig. Gott legt auseinander, was zusammen gewachsen ist, prüft und sortiert aus – so jedenfalls in vielen Gleichnissen des Matthäus-Evangeliums. Vielleicht ist wichtig uns klarzumachen, dass solch ein absolutes Urteil wohl von ihm, nicht aber von uns gesprochen werden soll. Wie oft ist versucht worden, eine reine Doktrin, eine reine Rasse, eine einheitliche Meinung herzustellen, indem man alles Abweichende mit Vernichtung bedroht hat. Der liebende Gott, da bin ich sicher, kennt schöpferische Wege, so dass Gericht nicht Vernichtung bedeutet, nicht Himmel oder Hölle, sondern dass sich in seinen Augen das Böse als das Nichtige erweist, was es nicht geben soll und deswegen auch keinen Bestand hat.