Gottesdienst am 6. Januar 2022 – Epiphanias

Predigttext: Joh 1,15-18

15 Johannes zeugt von ihm und ruft: Dieser war es, von dem ich gesagt habe: Nach mir wird kommen, der vor mir gewesen ist; denn er war eher als ich. 16 Von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade. 17 Denn das Gesetz ist durch Mose gegeben; die Gnade und Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden. 18 Niemand hat Gott je gesehen; der Eingeborene, der Gott ist und in des Vaters Schoß ist, der hat es verkündigt.

Liebe Gemeinde!

Lehre von Christus beginnt im Schweigen“, so hat der junge Dietrich Bonhoeffer seine Christologie-Vorlesung im Sommer 1933 begonnen. Während draußen der Lärm der NS-Propaganda die Gedanken zu beherrschen versuchte, hörten etwa 200 Studentinnen und Studenten gebannt die Vorlesung des damals gerade einmal 27-jährigen Theologen. „Wer ist Jesus Christus?“, fragt er. Die Antwort lässt sich historisch eingrenzen, aus der Tradition herleiten, aber letztlich ist sie eine Glaubensfrage: ob und wie sich das eigene Leben auf diesen Christus bezieht. Es gibt nicht die „objektive“ Antwort, theologisch abgesichert und ein für allemal richtig. „Es gibt keinen anderen Zugang zum Menschen, als wenn dieser sich von sich aus offenbart.“ Was schon von Mensch zu Mensch gilt, gilt für Christus im Besonderen: Indem er sich offenbart, offenbart er uns Gott.

So ist es richtig und angemessen, dass in unserem Predigtabschnitt zuerst ein Zeuge aufgerufen wird. Er hat selbst gesehen, selbst gehört, er war Vorläufer, Zeitgenosse und Konkurrent: Johannes der Täufer. Schon zuvor waren ihm drei Verse gewidmet, nun kommt er selbst zu Wort: „Nach mir wird kommen, der vor mir gewesen ist; denn er war eher als ich.“ Man ist verwirrt: Hier verschwimmen die Zeiten. Obwohl Johannes der Ältere ist, was Jesus schon vor ihm da. Sein Wort, jedes Wort kommt später, denn das Wort, das in die Welt gesandt wurde und sich in Jesus verkörperte, war schon vor ihm und vor uns da. Das Wort Gottes war das Wort, neben dem alle anderen Wörter spät kommen. Daher wäre es durchaus angemessen, zu schweigen in Ehrfurcht vor diesem Wort jenseits aller Wörter. Aber Johannes tut das Gegenteil: er ruft laut, er gibt es kund wie ein Ausrufer eine offizielle Bekanntmachung verkündet. Die Botschaft muss ans Licht, in die Welt. Er kommt, und aus dieser Bewegung heraus wird er selbst bewegt, auszusprechen, was ihn bewegt.

Und er spricht es nicht alleine, andere, Ungenannte, stimmen mit ein. Aus der einzelnen Stimme wird ein „wir“. „Von seiner Fülle haben wir genommen Gnade um Gnade“. Normalerweise differenzieren wir, nehmen auseinander: Die Fülle besteht aus: erstens, zweitens, drittens, und je feiner die Unterteilungen, umso weniger wird das Ganze sichtbar. Ebenso bei den menschlichen Stimmen: Mit diesem oder jenem ist es schwierig, gemeinsam mit einer Stimme zu sprechen. Hier sind alle Bedenken überwunden. „Gnade um Gnade“ heißt der Refrain, in den alle einstimmen können, als begabte, als begnadete von Christus. Ich weiß noch, wie ich als kleines Kind bei einem Kirchenbesuch – und das geschah selten – verwundert war, dass alle Gottesdienstbesucher gemeinsam und doch jeder für sich sprachen – war es das Vaterunser oder das Glaubensbekenntnis? Woher wussten sie, was sie sagen sollten? Ich stand vor einem Rätsel und war doch tief beeindruckt. Sie waren sich anscheinend alle einig!

Mit dem nächsten Vers scheint die Einigkeit schon wieder zu Ende. Wie oft hat man sich über die jüdische „Gesetzesreligion“ erhoben, als ob wir als Christen etwas Besseres hätten: „Gnade und Wahrheit“? Dabei besteht der Bund Gottes mit Mose und dem Volk Israel hier – wie überall im Neuen Testament – weiter. Er überlappt und ergänzt sich mit dem, was von Gott schon immer da war und in Christus nur aufscheint und bekräftigt wird - „Gnade und Wahrheit“. Wiederum ein Zitat von Dietrich Bonhoeffer aus einer Predigt: Es gibt nur „zwei Möglichkeiten… , wenn man Gott und den Menschen zusammen denken will. Verdienst heißt die Eine – Gnade heißt die Andere. Mit anderen Worten: Die eine Linie führt vom Menschen zu Gott herauf, die andere führt von Gott zum Menschen herab und beide schließen einander aus – und gehören doch zusammen.“ Die Gabe der Tora, des Gesetzes ist nach jüdischem Verständnis ein Akt der Gnade Gottes. Und während die Gemeinde des Johannesevangeliums schmerzlich erfährt, wie sie von Juden ausgegrenzt und aus Synagogen ausgeschlossen wird, will sie gerade diese Grenzziehung selbst nicht vollziehen, sondern hält fest, dass sich Gott in Christus in vielfältiger Weise gnädig zeigt.

Niemand hat Gott je gesehen“ – das gilt für uns alle, damals und heute. Das erklärt, dass uns immer mal wieder das Zutrauen fehlt. Aber es gibt den Weg, den Gott zu uns findet. Der Eingeborene, der Gott ist, ist zu uns gekommen. Aus der engsten Nähe Gottes, in des Vaters Schoß oder an seinem Busen, kam Christus zu uns. Und ebenso eng und vertrauensvoll schmiegt sich später der Lieblingsjünger an Jesus. Aus seiner Nähe zu Gott kann Jesus seine Nähe zu den Menschen gewinnen. Was er verkündigt, ist nicht nur Wort und Theorie, sondern gelebte Anteilnahme und Sympathie, gegen alle Widerstände. „Nur mitten in der Welt ist Christus Christus“, schrieb Bonhoeffer. „Aber die Welt erkannte ihn nicht“, stellt nüchtern das Johannesevangelium fest. Das jedoch hinderte das Wort Gottes nicht, es hat sich nicht zum Schweigen bringen lassen. Er kommt auch heute.