Gottesdienst am 7. November 2021 - Drittletzter Sonntag des Kirchenjahres

Predigttext: Psalm 85,1-14

1 Ein Psalm der Korachiter, vorzusingen.
2 HERR, der du bist vormals gnädig gewesen deinem Lande
und hast erlöst die Gefangenen Jakobs;
3 der du die Missetat vormals vergeben hast deinem Volk
und all ihre Sünde bedeckt hast;
4 der du vormals hast all deinen Zorn fahren lassen
und dich abgewandt von der Glut deines Zorns:
5 Hilf uns, Gott, unser Heiland,
und lass ab von deiner Ungnade über uns!
6 Willst du denn ewiglich über uns zürnen
und deinen Zorn walten lassen für und für?
7 Willst du uns denn nicht wieder erquicken,
dass dein Volk sich über dich freuen kann?
8 Herr, zeige uns deine Gnade
und gib uns dein Heil!
9 Könnte ich doch hören,
was Gott der HERR redet,
dass er Frieden zusagte seinem Volk und seinen Heiligen,
auf dass sie nicht in Torheit geraten.
10 Doch ist ja seine Hilfe nahe denen, die ihn fürchten,
dass in unserm Lande Ehre wohne;
11 dass Güte und Treue einander begegnen,
Gerechtigkeit und Friede sich küssen;
12 dass Treue auf der Erde wachse
und Gerechtigkeit vom Himmel schaue;
13 dass uns auch der HERR Gutes tue
und unser Land seine Frucht gebe;
14 dass Gerechtigkeit vor ihm her gehe
und seinen Schritten folge.

 

Liebe Gemeinde!

 

Anfangs geht der Blick zurück zu den goldenen Zeiten. Was war es doch, damals, als die Welt noch in Ordnung schien, als wir jung waren und voller Tatendrang. Was waren das für Zeiten, als Gott sein Volk behütet und begleitet hat, die Gefangenen des Pharao frei kamen und diese bittere Erfahrung nie wieder erleben wollten: endlich frei!

Welche Wirklichkeit wird hier beschworen? Stößt man hier womöglich wieder auf eine der rückwärtsgewandten Utopien, die die Vergangenheit verklären, die gute alte Zeit, in der die Dinge scheinbar alle noch am rechten Platz waren Solche Gedanken haben im Moment großen Einfluss. Sucht man Orientierung, bietet sich die Vergangenheit an: Emotionsgeladene Begriffe kommen in Spiel: Heimat, Volk, Nation, „Make America great again“ – dazu alle, die dieses angebliche politische Erfolgsrezept kopieren.

Bei näherem Zusehen leuchtet es immer weniger ein: Man will doch nicht im Ernst wieder zurück zum Pharaonenstaat mit all den Versklavten und Unterdrückten eben auch, zu Monarchie und Klassengesellschaft, zu Nationalstaaten, die sich mit blutigen Kriegen bekämpften? Die wichtigsten heutigen Probleme sind Menschheitsprobleme, die ein ganz anderes, ein gemeinschaftliches Herangehen erfordern.

Es spricht für die Ehrlichkeit der Israeliten, dieses Volks mit Migrationshintergrund, dass sie die früheren Zeiten nicht schönreden: Sie wissen um Schuld und Versagen, im Einzelnen und im Kollektiv, und dass nur Gott es am Ende hat gut sein lassen, sich selbst abgewandt von der Glut seines Zorns. Unverdienterweise ist sich Gott treu geblieben, hat geduldig am Bund und seinen Verheißungen festgehalten.

Das scheint sich nun, in der Gegenwart des Psalms, geändert zu haben: Die Welt fühlt sich trostlos, ja gottverlassen an. Es ist eine Welt der Enttäuschung, in die die Betenden geraten sind. Es war wohl die Situation nach der Rückkehr aus dem Exil, die die Menschen bedrückte. Heilsprophten hatten große Hoffnungen auf einen Neubeginn im angestammten Land geweckt, die nun nicht in Erfüllung gingen: der Aufbau der Trümmer gestaltete sich mühsam, immer wieder gefördert und unterbrochen durch Entscheidungen der persischen Staatsmacht. Die Zurückgekommenen mussten sich verständigen mit denen, die geblieben waren, inzwischen ihre Häuser bewohnten und ihre Äcker bestellten. Nach hochfliegenden Trräumen waren Sie nun auf dem Boden der Realität angekommen. Und aus dieser Wirklichkeit erhob sich ein „Klagelied des Volkes“, machte sich die Frustration Luft, aber auch die Hoffnung, dass Gott alles zum Besten wenden kann. Zweimal Frage- zweimal Ausrufezeichen zeigen, wie man Gott bekniet und bestürmt hat (V. 5-8). „Wenden“ ist Wort, das sich durch den Psalm zieht. Wenn sich Gott einmal abgewandt hat, kann er sich genauso doch wieder zuwenden, wenn er schon die Gegenwart so schwer macht, kann er doch wenigstens die Zukunft wieder leichter werden lassen. Was einmal gut war, kann doch mit Gottes Hilfe wieder neu gut werden.

So sind die letzten Verse des Psalm nicht eine rückwärtsgewandte Utopie, sondern ein kühner Entwurf einer Zukunft, wenn die gegenwärtige Stagnation und Lähmung überwunden ist. Das Neue beginnt mit einer Bitte: „Könnte ich doch hören, was Gott der HERR redet.“ Dieser Satz lässt zwei Deutungen zu: Die Bitte, dass doch Gottes wieder zu uns redet – ob da an Propheten gedacht ist oder an die Wiederaufnahme von Gedanken aus der Bibel, beides ist in dieser Zeit passiert – oder zweitens, dass die Blockierungen verschwinden, durch die Gottes Wort nicht unser Inneres, unser Herz erreicht. Dann aber folgt schon das erste von vier Hauptwörtern, die diesen Abschnitt prägen, die die Hinwendung zur Zukunft konkret machen: „dass er Frieden zusagte seinem Volk“. Zum Frieden gesellen sich noch Treue, Gerechtigkeit und Güte. Sie deuten auf einen Welt hin, in der nicht ein Sieg-Frieden, ein Bedrohungs-Frieden vorherrscht, sondern sich die Friedlichkeit bis hin in die Natur ausbreitet, so dass auch die Felder, Bäume und Weinberge wieder fruchtbar werden. Friede, Gerechtigkeit, Güte und Treue wirken ineinander und miteinander, ergänzen und durchdringen sich, wie wenn eins ohne das andere nicht kann. Ja, Gerechtigkeit und Friede kommen sich so nahe, dass sie sich küssen! Diese heilvolle Veränderung der Umstände kann man nun nicht einfach nur Gott zuschieben. Wir Menschen selbst sollen und können Teil dieser Veränderung sein, weil sie einfach unwiderstehlich ist, weil sie notwendig und gleichzeitig voller Verheißung ist. Verschiedentlich hörte man in den letzten Wochen den Satz: „Ein weiter so kann es nicht geben!“ - was aber soll daraus folgen? Hier ist von der Bibel her der Impuls gegeben, wie der weitere Weg aussehen könnte: Ein Frieden, der aus Vertrauen wächst, aus Vertrauen auf Gott und Vertrauen auf die Mitmenschen, trotz der Erfahrung, wie verletzlich solch ein Frieden ist. Eine Gerechtigkeit, die nicht beim eigenen, von sich beanspruchten Recht ansetzt, sondern bei den Schwächsten, die vielleicht schon so geschwächt sind, dass ihre Stimme gar nicht gehört wird. Güte und Treue, die vor großen Zielen nicht zurückschreckt, sondern mit langem Atem beharrlich dabeibleibt, auch wenn schnelle Fortschritte ausbleiben. Je konkreter man die Schritte zu definieren, um heftiger wird dann die Diskussion ausfallen. Aber unverbindliche Absichtserklärung haben wir schon genug. So kann man sich durchaus wieder Dietrich Bonhoeffers Morgenandacht von der ökumenischen Konferenz in Fanö 1934 vornehmen, der versucht, dem Frieden der Bibel, dem Frieden Christi einen Ausdruck zu geben jenseits miltärischer Bündnissysteme: „Friede muss gewagt werden, ist das eine große Wagnis und lässt sich nie und nimmer sichern. Friede ist das Gegenteil von Sicherung. Sicherheiten fordern heißt Mißtrauen haben und dieses Mißtrauen gebiert wiederum Krieg. Sicherheiten suchen heißt, sich selber schützen zu wollen. Friede heißt, sich gänzlich ausliefern dem Gebot Gottes, keine Sicherung wollen, sondern in Glaube und Gehorsam dem allmächtigen Gott die Geschicke der Völker in die Hand legen und nicht selbstsüchtig über sie verfügen wollen.“ Gewagte Gedanken, aber all unsere Probleme werden wir ohne Wagnis, ohne auf ein neues, globales Denken nicht lösen können. Aber: es geht uns im Glauben nicht um irgendeine Utopie, sondern darum, Gottes Wort und Christi Verheißung mit Leben zu erfüllen: „Selig sind, die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen“.