Gottesdienst am Heiliger Abend - Titus 2,11-14

Titus 2,11-14 (Einheitsübersetzung)

11 Denn die Gnade Gottes ist erschienen, um alle Menschen zu retten. 12 Sie erzieht uns dazu, uns von der Gottlosigkeit und den irdischen Begierden loszusagen und besonnen, gerecht und fromm in dieser Welt zu leben, 13 während wir auf die selige Erfüllung unserer Hoffnung warten: auf das Erscheinen der Herrlichkeit unseres großen Gottes und Retters Jesus Christus. 14 Er hat sich für uns hingegeben, damit er uns von aller Ungerechtigkeit erlöse und für sich selbst ein auserlesenes Volk schaffe, das voll Eifer danach strebt, das Gute zu tun.

 

Liebe Gemeinde!

Was feiern wir an Weihnachten? Dumme Frage, natürlich, dass das Christkind kommt. Und mit ihm Liebe, Freude, Dankbarkeit, Geschenke. Und ‚Gnade‘? Das klingt ziemlich steif und weltfremd. Wer braucht denn schon ,Gnade’? Habe ich irgendetwas verbrochen, dass ich um Gnade bitten muss? Ja, feierlich im Gottesdienst sagen wir es, ganz zu Anfang: „Gott sei mir Sünder gnädig.“ Dann kommen Lieder, Lesungen, Gebete – und der Moment ist schnell vergessen. Ein Wort, wie aus der Zeit gefallen, von damals, als man sich noch mit „gnädige Frau“ und „gnädiger Herr“ anredete, als sogar die Eltern noch gesiezt wurden – heute undenkbar. „Denn die Gnade Gottes ist erschienen, um alle Menschen zu retten.“ Der Satz ist sicher schön und richtig, bei „alle Menschen“ gehören wir auch alle dazu. Aber was soll diese „Gnade Gottes“ sein? Ein Blick ins Wörterbuch offenbart eine Fülle von Bedeutungen: „Charis“ scheint in der Bedeutung nicht immer klar von „Chara“ unterschieden worden zu sein – die erste Überraschung: „Chara“ heißt „Freude“. Gnade kann also heißen: „jemanden durch Gunsterweise, durch Geschenke in freudige Erregung bringen“. Plötzlich ist der gedankliche Weg zu Weihnachten nicht mehr so weit. Gnade will uns also nicht klein machen, sondern sozusagen die Freude aus uns herauskitzeln. Gnade ist das Beziehungsangebot, das über das „wie du mir, so ich dir“ hinausgeht, das das Leistungsprinzip untergräbt, ein einseitiger Vertrauensvorschuss, ein Entgegenkommen, das zur Nachahmung einlädt. Gnade ist der Entschluss, sich zu öffnen, einen neuen Anfang zu setzen, in Freundlichkeit dem anderen zuvorzukommen. Es ist ein freundliches Umfeld, in das wir mit dem Wort „Gnade“ geraten: Noch einmal das Wörterbuch: „Anmut, Lieblichkeit, Gunst, Huld, Wohlwollen, Fürsorge, Zuwendung, die den Menschen unverdiente Gaben schenkt“. Dann ist Weihnachten sozusagen Gottes Charmeoffensive. Er will uns mit seinem Wohlwollen dazu bringen, ebenfalls wohlwollend zu sein, mit seiner Zuwendung, sich einander zuzuwenden, und das ohne Grenzen und Einschränkungen. Denn die Gnade Gottes ist erschienen, um alle Menschen zu retten.“ -auch die, die sich für einen hoffnungslosen Fall halten, auch diejengen, die uns von ihrem Leben und Denken ganz fern sind, auch ihnen steht die Tür zu Gott weit offen. Gottes Grund-Satz heißt: Ich gebe, ich schenke, ich bedenke euch mit Güte, ich begleite euch mit Sympathie - weil ich es so will. Und das soll ausstrahlen, auch unser Herz öffnen. „Die Gnade erzieht uns“, schreibt der Verfasser des Titusbriefs, zu einer anderen Grundhaltung, dazu, an bestimmten Prinzipien unser Leben auszurichten. „Besonnen, gerecht und fromm“ – das ist wenig überraschend oder innovativ. Drei der vier antiken Tugenden versammeln sich hier, die Tapferkeit ist allerdings weggefallen. Man könnte sie auf die drei Dimensionen des Lebens verteilen: Besonnen für sich selbst, gerecht zu den anderen, fromm gegenüber Gott. Ich denke aber, dass damit Charaktereigenschaften angesprochen werden, die immer hilfreich sind, „fromm“ etwa in der Bedeutung von „beständig, zuverlässig“, ganz irdische Tugenden also, zu denen man wohl ja sagen kann, Prinzipien, nach denen man nicht nur selbst behandelt werden will, sondern die sich im Umgang mit anderen bewähren. Zu dem Ja kommt ein Nein: sich „loszusagen von Gottlosigkeit und irdischen Begierden“. Kommt nun doch wieder der altmodische erhobene Zeigefinger zum Vorschein? „Gottlosigkeit“ ist eigentlich die Ungläubigkeit, kann auch der zynische Spott, die gepflegte Zurückhaltung in religiösen Dingen meinen, nicht nur den theoretischen oder praktischen Atheismus. Gedacht ist an eine Haltung, die Gott eine Chance lässt, in unserem Leben eine Rolle zu spielen und es zu verändern. Und die irdischen Begierden – davon kann unsere Erde ein Lied singen: Brauchen diese Menschen wirklich all das, was sie aus mir herausholen? Hört diese Gier nach Geld denn nie auf? Wann gibt es ein „genug“? Aber neben diesen Einwänden steht die Hoffnung. Nicht die Gnade, sondern Jesus Christus erscheint, der große Gott und Retter. Diese Welt ist in Bewegung, in einer Bewegung von Gott her auf uns zu, von der Gnade ausgehend, in der Hingabe des Jesus von Nazareth an das Leben sichtbar, aus der Ungerechtigkeit dahin, dass seine schöpferische Kraft zu dem auserwählten Gottesvolk immer noch mehr Menschen hinzugewinnt, alles Menschen guten Willens. Jede, jeder für sich wäre machtlos, gemeinsam sind wir es nicht. Bilden wir, wenn vielleicht nicht die Mehrheit, so doch eine kreative Minderheit, denen der gnädige Gott seine Freundlichkeit und Großzügigkeit ans Herz legt, um so alle Fronten und Verhärtungen aufzulösen und sich gegenseitig das Geschenke des Friedens und der Freude zu machen – nicht nur an Weihnachten!