Gottesdienst am Sonntag, 21.11.2021 – Letzter Sonntag im Kirchenjahr, Ewigkeitssonntag

Predigttext: Jesaja 65,17-19.23-25

 

17 Denn siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, dass man der vorigen nicht mehr gedenken und sie nicht mehr zu Herzen nehmen wird. 18 Freuet euch und seid fröhlich immerdar über das, was ich schaffe. Denn siehe, ich erschaffe Jerusalem zur Wonne und sein Volk zur Freude, 19 und ich will fröhlich sein über Jerusalem und mich freuen über mein Volk.Man soll in ihm nicht mehr hören die Stimme des Weinens noch die Stimme des Klagens.

23 Sie sollen nicht umsonst arbeiten und keine Kinder für einen frühen Tod zeugen; denn sie sind das Geschlecht der Gesegneten des Herrn, und ihre Nachkommen sind bei ihnen. 24 Und es soll geschehen: Ehe sie rufen, will ich antworten; wenn sie noch reden, will ich hören. 25 Wolf und Lamm sollen beieinander weiden; der Löwe wird Stroh fressen wie das Rind, aber die Schlange muss Erde fressen. Man wird weder Bosheit noch Schaden tun auf meinem ganzen heiligen Berge, spricht der Herr.

Liebe Gemeinde,

 

es klingt wie ein schöner Traum, wie ein Märchen, wie zarte Zukunftsmusik, was der Prophet hier dem Volk Israel verkündet. Der erste Gedanke ist Abwehr: Das stimmt doch gar nicht, das sind verlockende Gedanken, aber die Wirklichkeit sieht doch anders aus. Wenn wir auf dem Boden der Realität aufkommen, ist es oft ein hartes, ein trauriges Erwachen. „Die Hoffnung stirbt zuletzt“, so hört man es oft, und dies ist kein biblisches Wort, sondern bitter und zynisch, weil so oft vergeblich gehofft wurde.

Kann es überhaupt Gründe geben, sich dem Propheten anzuvertrauen, seinen wilden Träumen und Visionen? Vielleicht, weil die Vorstellung so schön ist – und Schönes hat seine eigene Anziehungkraft. Kunst, Literatur, Musik und Tanz schaffen neue Räume für die Vorstellung, eine Gegenwelt, die nicht nur Zufluchtsort vor der Welt da draußen, sondern Spielfeld für Protest und Suche nach dem ganz anderen, für das es noch keine Worte und keine Form gibt: Es befindet sich erst noch im Werden, im schöpferischen Prozess.

Schöpferisches Tun ist voller Mühe, aber angesichts eines gelungenen Werks auch mit Freude verbunden. Sind wir einmal ins Werk vertieft, unseren Vorstellungen Gestalt zu geben, kann dies mit tiefem Glücksgefühl verbunden sein. Das gilt dann wohl auch für Gott. Und er ist mit seinem schöpferischen Werk noch nicht am Ende: „Einen neuen Himmel und eine neue Erde“, will er schaffen, nicht weniger als noch einmal wie am Anfang der Bibel beginnen, nicht nur Fehler ausbügeln, sondern eine ganze neue Welt begründen, eine Welt, in die die Freude zurückgekehrt ist. Wie es dort ist, wird breit ausgemalt: Weinen und Klagen wird verstummen, keine vorzeitiger Tod wird die Hoffnung trüben, man wird friedlich seine neuen Häuser bewohnen und die Früchte ernten, unter den Menschen und Tieren ist Friede eingekehrt.

Natürlich ist das nicht unsere Welt. Das kann uns noch mehr entmutigen. Gewalt und Krieg bestimmen immer noch das Bild, die Zahl der Corona-Infizierten steigt unaufhörlich, wir waren und sind mit Leiden und Sterben konfrontiert. Es ist leicht und wahrscheinlich realistisch, zu sagen: „Das war schon immer so“. Aber muss die Zukunft immer nur die Fortsetzung der Vergangenheit sein? „Das hat’s noch nie gegeben und das wird es auch nicht geben“ – dieser Satz ist blind für all die Veränderungen, die sich uns täglich eröffnen, und zerstört mutwillig jede Hoffnung auf Entwicklung und Verbesserung. Man kann leiden an einer zu großen Hoffnung, die unrealistische Erwartungen weckt, man kann aber auch ebenso leiden, wenn man ständig die Hoffnung kleinredet: „Das nützt ja sowieso nichts“, wenn man nur den verheerenden Prognosen vertraut, die natürlich, leider, gut begründet sind. Die jüdischen Lehrer wollten den hochfliegenden Prophetien nicht folgen, sie erwarteten bescheidene, aber doch spürbare Verbesserungen: „Der Herr wird die gute Luft erneuern und der Erde Kraft hinzufügen.“ Die Christen dagegen sahen in der Auferstehung Jesu diese Neu-Schaffende Kraft Gottes am Werk, ein Stück Zukunft schon in der Gegenwart geschehen, an ihm geschehen, damit es auch an uns geschieht. Wie beim Spiel „Stille Post“ blieben die Worte des Propheten in Bewegung durch die Zeit, durch die Herzen, bis zu dem „Siehe, ich mache alles neu“ im letzten Buch der Bibel, der Offenbarung. Sie wurden und werden durchdacht und ausgesprochen. Und nun sind wir es, die diese Worte in die Herzen dringen, damit sie Trost und Hoffnung stiften, auch wenn wir an den Gräbern stehen. Unter einer großen Hoffnung können sich unsere vielen, kleinen, bescheidenen Hoffnungen versammeln und entfalten. Wir können die Zukunft nicht sehen, wir können den Sinn des Lebens nicht enträtseln, wir können nur vertrauen, dass es Gott weiß und tut. Bei allem Schmerz und aller Trauer ist es wichtig zu spüren, dass dies nur die eine, die dunkle Seite des Lebens ist. Es gibt auch noch die anderen, die, wie es die Psychologin Verena Kast zusammenfasst, „gehobenen“ Emotionen: Freude, Inspiration, Hoffnung. In unserer Gesellschaft werden sie misstrauisch betrachtet, man muss sich ein Stück dafür rechtfertigen. Wer niedergeschlagen oder pessimistisch ist, muss das nicht. Man kennt es ja selbst zur Genüge. Und doch liegen gerade in diesen Stimmungslagen - Freude, Inspiration, Hoffnung – die kreativen Potentiale, die uns befähigen, von unseren Ist-Zustand neue Möglichkeiten zu sehen und zu ergreifen – soweit es in unserer Reichweite liegt, alles andere ist bei Gott, dass er seine schöpferische Liebe an uns und in uns wirken lässt, bis über den Tod hinaus.