Gottesdienst am Sonntag, 4. September (12. Sonntag nach Trinitatis)

Epistel, zugleich Predigttext: Apostelgeschichte 9,1-20

 

1 Saulus aber schnaubte noch mit Drohen und Morden gegen die Jünger des Herrn und ging zum Hohenpriester 2 und bat ihn um Briefe nach Damaskus an die Synagogen, dass er Anhänger dieses Weges, Männer und Frauen, wenn er sie fände, gefesselt nach Jerusalem führe.

3 Als er aber auf dem Wege war und in die Nähe von Damaskus kam, umleuchtete ihn plötzlich ein Licht vom Himmel; 4 und er fiel auf die Erde und hörte eine Stimme, die sprach zu ihm: Saul, Saul, was verfolgst du mich?  5 Er aber sprach: Herr, wer bist du? Der sprach: Ich bin Jesus, den du verfolgst. 6 Steh auf und geh in die Stadt; da wird man dir sagen, was du tun sollst. 7 Die Männer aber, die seine Gefährten waren, standen sprachlos da; denn sie hörten zwar die Stimme, sahen aber niemanden. 8 Saulus aber richtete sich auf von der Erde; und als er seine Augen aufschlug, sah er nichts. Sie nahmen ihn aber bei der Hand und führten ihn nach Damaskus; 9 und er konnte drei Tage nicht sehen und aß nicht und trank nicht.

10 Es war aber ein Jünger in Damaskus mit Namen Hananias; dem erschien der Herr und sprach: Hananias! Und er sprach: Hier bin ich, Herr. 11 Der Herr sprach zu ihm: Steh auf und geh in die Straße, die die Gerade heißt, und frage in dem Haus des Judas nach einem Mann mit Namen Saulus von Tarsus. Denn siehe, er betet 12 und hat in einer Erscheinung einen Mann gesehen mit Namen Hananias, der zu ihm hereinkam und ihm die Hände auflegte, dass er wieder sehend werde. 13 Hananias aber antwortete: Herr, ich habe von vielen gehört über diesen Mann, wie viel Böses er deinen Heiligen in Jerusalem angetan hat; 14 und hier hat er Vollmacht von den Hohenpriestern, alle gefangen zu nehmen, die deinen Namen anrufen. 15 Doch der Herr sprach zu ihm: Geh nur hin; denn dieser ist mein auserwähltes Werkzeug, dass er meinen Namen trage vor Heiden und vor Könige und vor das Volk Israel. 16 Ich will ihm zeigen, wie viel er leiden muss um meines Namens willen.

17 Und Hananias ging hin und kam in das Haus und legte die Hände auf ihn und sprach: Lieber Bruder Saul, der Herr hat mich gesandt, Jesus, der dir auf dem Wege hierher erschienen ist, dass du wieder sehend und mit dem Heiligen Geist erfüllt werdest. 18 Und sogleich fiel es von seinen Augen wie Schuppen, und er wurde wieder sehend; und er stand auf, ließ sich taufen 19 und nahm Speise zu sich und stärkte sich.

Saulus blieb aber einige Tage bei den Jüngern in Damaskus. 20 Und alsbald predigte er in den Synagogen von Jesus, dass dieser Gottes Sohn sei.

 

Liebe Gemeinde!

Die Geschichte ist sprichwörtlich bekannt: Da wird einer vom Saulus zum Paulus, wirft seine alten Überzeugungen als gesetzestreuer Pharisäer in den Staub und beginnt noch einmal – von der Christuserscheinung überwältigt – ganz von vorne: als Christ. Und er ist dann auch ganz vorne dabei, der Begründer der christlichen Theologie, der rastlose Missionar rund ums östliche Mittelmeer, eine der ganz großen religiösen Gründer- und Heldengestalten, der die Gnade Gottes in Christus immer hervorhob.

Nichts daran ist falsch, nur gibt unser Predigttext in der Langform ein anderes Bild ab: Die Erscheinung des Paulus und seine Berufung steht am Anfang, aber sie steht nicht alleine. Andere Menschen stehen ihm bei. Eine ganze Strecke braucht und erhält er die Führung Gottes, bis er auf seinen Weg kommt. Und „Weg“ ist der richtige Ausdruck, so bezeichneten sich die frühen Christen, die sich noch als Teil der jüdischen Gemeinde ansahen, auch wenn es Spannungen gab, gerade bei den Christen mit griechischem Hintergrund, die wohl aktiv Mission betrieben und besonders die „Gottesfürchtigen“, die mit dem Judentum sympathisierten, aber nicht übergetreten waren, anzogen.

Paulus, hier mit seinem jüdischen Namen Saulus genannt, hat feste Pläne, er ist vorbereitet, hat Empfehlungsschreiben dabei. Er ist kein offizieller Beauftragter des Hohen Rates, aber er ist sicherlich fest davon überzeugt, das Richtige zu tun und Gott und dem Glauben dabei einen Dienst zu erweisen. Und nun, knapp vor dem Ziel, geht ihm das alles verloren, Eine einzige Frage genügt: „Saul, Saul, warum verfolgst du mich?“ Paulus fragt seinerseits das Naheliegende: „Wer bist du, Herr“, und unmissverständlich wird ihm die Antwort gegeben: „Ich bin Jesus“. Eine himmlische Macht ist in sein Leben eingedrungen und hat alles auf den Kopf gestellt. Neben den gegebenen Antworten bohrt weiter die Frage „Warum?“ - sie macht ihn später zum christlichen Theologen. Jetzt sind seine Pläne widersinnig, und doch muss seine Reise ans Ziel kommen. Da draußen an der Landstraße kann er nicht bleiben, er braucht dringend Hilfe. Was für eine Geschichte! Ein Wendepunkt im Leben, ein Ort absoluter Umkehr. Lukas, der Verfasser der Apostelgeschichte, berichtet dreimal von diesem Ereignis.

„Vom Saulus zum Paulus“ – wie selten geschieht es, dass ein ganzer Lebensentwurf verworfen wird, eine ganze innere Welt voller scheinbarer Gewissheiten verlassen, dass jemand ganz von vorne beginnt, seine Werte und Orientierung von Grund auf verändert. Nach Außen wird so ein Schritt immer mit Misstrauen verfolgt werden: Wie ehrlich, wie konsequent folgt er wohl dem Neuen, bleibt noch ein verborgener Rest vom Alten zurück, oder wird die neue Überzeugung womöglich mit unbelehrbarem Fanatismus vertreten? Ist er vertrauenswürdig? Es ist schwer, in diesem Übergang den richtigen Weg zu finden. Kein Wunder, dass es sich anfühlt, wie mit Blindheit geschlagen, nach außen wie nach innen: keine tragfähige Überzeugung mehr, alles wie ohne Sinn.

Nur gut, dass andere ihn stützen. Die Mitreisenden fangen ihn auf und bringen ihn in Damaskus an einen sicheren Ort. Aber um zu sich zu finden, dem Ruf zu Jesus zu folgen, braucht es eine weitere Person: Hananias, der der Gemeinde in Damaskus angehört, wohl in angesehener und leitender Position. Ihm wird, ähnlich wie Paulus, eine göttliche Berufung zuteil. Denn der Auftrag, Paulus aufzusuchen, ist nicht ungefährlich. Sein Ruf als Christenverfolger ist ihm vorausgeeilt. Will man riskieren, nach Jerusalem verschleppt und dort vor Gericht gestellt zu werden? So folgt dem Auftrag eine weitere Vision bei dem blinden Paulus, dass er Hananias im Guten begegnen werde. So sind dann die Wege geebnet, der Führung Gottes das Ziel gewiesen. Dieses Ziel geht weit über den Augenblick hinaus. Das, was Paulus später in seinen Briefen stolz den Gemeinden entgegenhalten wird, dass er dem auferstandenen Christus begegnet und er zum Apostel berufen sei, wird hier von Hananias erstmals umrissen: Der Verkünder des Evangeliums vor den Heiden, der Gottes Willen folgt, aber dafür eine Menge an Leiden auf sich nehmen muss. Seine Erwählung ist Last und Segen zugleich – darin gleicht er seinen jüdischen Geschwistern.

Als sie sich dann treffen, geht alles sehr schnell, und alles wendet sich zum Guten. Was sich im Fasten und Beten vielleicht schon andeutete, in den Visionen greifbar schien, seine Empfänglichkeit und Ansprechbarkeit für neue Glaubenswahrheiten, seine Fähigkeit, das bisherige Wissen so neu zusammenzuordnen, dass es ihm „wie Schuppen von den Augen fiel“, in diese Offenheit hinein hat Hananias gesprochen und gehandelt. Er hat gesegnet, auf die Kraft Jesu und des Heiligen Geistes verwiesen, ihn geheilt und schließlich getauft. Ein Ritus wird atemlos in den anderen übergegangen sein, bis er als der neue, mit Christus untrennbar verbundene, von Gott auf besondere Mission gesandte Mensch dastand; Auf eigenen Füßen, mit eigenem Auftrag und dem nötigen Selbst- und Sendungsbewusstsein. Die Schwäche ist überwunden, Gott hat die Wende herbeigeführt, und so kann Hananias in die zweite Reihe zurücktreten. Leider erfahren wir über sein weiteres Schicksal und Wirken nichts – ganz im Gegensatz zu Paulus von Tarsus, dessen Wirken von da an die Apostelgeschichte ausführlich beschreibt und dessen Briefe für immer beeindruckende Zeugnisse seines Glaubens und seines theologischen Scharfsinns bleiben. Er wirkt leidenschaftlich, sogar sprunghaft – keine Gelehrter, der in Ruhe Thesen und Argumente entwickelt. Er weiß um die Umbrüche, die das Leben auf den Kopf stellen können – nur so ist er mit Jesus in Verbindung gekommen.