Ökumenischer Gottesdienst zum Neujahrstag - 1.1.2022 - Sprüche 16,9

Des Menschen Herz erdenkt sich seinen Weg, aber der Herr allein lenkt seinen Schritt.
(Sprüche 16,9)

 

Liebe Gemeinde,

ein neues Jahr liegt vor uns, ein Kalender mit noch vielen weißen Blättern, und mit einer guten Portion Unsicherheit, was von all den schönen Plänen und Vorhaben am Ende Wirklichkeit werden kann. „Was wäre ein Leben ohne Ungewissheit?“ - diesen Satz hat der Künstler Christian Hörl dreimal auf der Kirchenfront der Erlöserkirche verewigt. Das vergangenen Jahr hat uns im Ertragen von Ungewissheit einiges abgefordert, und ich vermute, dass dies noch länger so bleiben wird. Dabei hat Deutschland den Ruf, systematisch und effizient vorzugehen und für alles einen Plan in der Schublade zu haben. Ganz anders z.B. in Indien, wo vieles völlig chaotisch erscheint und man sich über alles wundert, was dennoch funktioniert. Ich habe einmal eine Frau kennengelert, die nach langem Aufenthalt in Indien nach Deutschland zurückkam, weil hier das Leben so viel einfacher und verlässlicher war. Dort hat sie etwa ein Drittel ihrer Zeit damit verbringen müssen, um das zu organisieren, was hier selbstverständlicher Alltag ist: Sehen, wo Lebensmittel herkommen, dass Handwerker und Lieferungen passieren, dass Rechnungen bezahlt werden, dass Versprochenes auch gemacht wird. Aber es kann natürlich sein, dass auch bei uns sich das allmählich ändert.

 

Des Menschen Herz erdenkt sich seinen Weg, aber der Herr allein lenkt seinen Schritt“, so hat Luther diesen Weisheitssatz übersetzt. Das Herz – es ist nach biblischem Menschenbild der Sitz des Verstandes. Hier kreisen ununterbrochen die Gedanken, formen sich Pläne und Schritte zur Ausführung, suchen wir Sinn und Ziel unseres Lebens, Ordnung und Wegweisung. Gerade dazu wollte die Weisheitsliteratur – die Bücher der Sprüche, Kohelet, Jesus Sirach und auch Hiob – anleiten: aus Erfahrung bewährte Grundregeln für ein gutes, gelingendes Leben festhalten. So sammeln wir im Lauf unseres Lebens auch Erfahrungswissen, aus dem heraus wir unsere Entscheidungen treffen, aus dem wir Risiken und Möglichkeiten abschätzen: Was lohnt sich, was lasse ich lieber bleiben, was könnte ein Ziel für mich sein? Gerade am Anfang eines Jahres fasst man vielleicht gute Vorsätze, was man an sich unbedingt ändern muss. Nur – und auch das ist eine Erfahrung – allzuoft kommt etwas dazwischen, gehen die großen Vorhaben im Klein-klein des Alltags unter. Ist das dann Gott – ein Dazwischenkommer, ein Pläne-Verhinderer? Oder will er uns so unsere Aufmerksamkeit auf den kostbaren Moment der Gegenwart, vielleicht seiner Geistes-Gegenwart lenken? Selbst auf dem Weg vom Gedanken zum Aussprechen kann noch viel passieren: „Der Mensch setzt sich’s wohl vor im Herzen; aber vom HERRN kommt, was die Zunge reden wird“, so beginnt das 16. Kapitel der Sprüche. Das hier und jetzt verlangt oft die volle Konzentration. Wie oft sind wir in Gedanken im Gestern oder im Morgen unterwegs und übersehen, was gerade dran ist? Wenn es einen guten Vorsatz gäbe für das neue Jahr, wäre es für mich, öfter mal den Kopf freizubekommen und dem unwiederbringlichen Moment, dem unmittelbaren Ruf des Lebens sein Recht zu geben. Und das Verhältnis von Plänen und Gottes lenkendem Schritt? Zum einen ist ja nicht gesagt, dass jeder unserer Pläne tatsächlich weise und vorausschauend ist. Oft genug muss man einen Plan B entwickeln, vielleicht weniger hochfliegend, dafür aber mit mehr Glück gesegnet. Wie oft ist auch der Zufall schuld, dass das Leben eine plötzliche Wendung nimmt. Und ist es, zweitens, überhaupt möglich, einen Plan für sein Leben zu entwickeln? Manche wissen vielleicht von klein auf, was sie einmal werden wollen. Ich weiß nur von mit, dass ich, es wird in der zweiten Klasse gewesen sein, die Grundrechenarten kannte ich schon, einmal auf dem Schulhof stand und ausrechnete, wie alt ich im Jahr 2000 sein würde. Das Ergebnis war eine Zahl, und ich weiß noch, wie enttäuscht ich war, denn da war keine Idee, keine Vorstellung damit verbunden, nur eine große dunkle Leere. Die Idee, Pfarrer zu werden, kam erst viel später. Und dazu der dritte Gedanke: Dass Gott die Geschicke lenkt, heißt ja nicht, ohne eigenen Antrieb und eigenes Interesse alles einfach geschehen zu lassen. Oft denke ich an die Liedstrophe: „Der dir in frühern Zeiten das Leben eingehaucht, der wird dich dahin leiten, wo er dich will und braucht.“ Die biblische Weisheit besteht meistens aus zwei Halbsätzen, die sich aufeinander beziehen und sich ergänzen. Wie, das ist auch eine Aufgabe der Interpretation: Man kann es als Gegensatz lesen, der Mensch denkt, aber Gott lenkt. So lauten alle gängigen Übersetzungen. Dann heißt dies, dass Gott in seiner Souveränität den Menschen in die Schranken weist – fürs Planen magst du zuständig sein, aber die Erfüllung kannst du allenfalls erhoffen oder erbitten, Garantien gibt es nicht. Man kann aber auch, nach dem hebräischen Wortlaut, ein und zwischen beiden Halbsätzen einsetzen: „Des Menschen Herz erdenkt sich seinen Weg, und der HERR lenkt seinen Schritt“. Gott wird nicht als Gegenspieler, sondern als Mitspieler erkennbar, der, der die Wege ebnet und neue auftut, der uns mit Wohlwollen, ja mit Segen auf unseren Wegen begleitet. Vielleicht sind wir so als Menschen, dass wir gern den Widerspruch, den Konflikt heraushören, während Gott schon längst auf unserer Seite ist.